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Birkensamenregen

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Birkensamenregen | story.one

Es ist kurz vor Mittag. Die Sonne steht am Zenit ihrer Strahlkraft. Sie lungert gemütlich auf dem alten Holzliegestuhl, den sie so sehr mag. Die kleine Terrasse, die ihr als Leseeck dient, liegt im Schatten. Es weht ein angenehmes Lüftchen. Sie genießt die Ruhe, den Wind, der zärtlich über ihre Haut streicht, das Rascheln der Blätter der umliegenden Bäume und Sträucher.

Irgendwie gelingt es ihr heute nicht in die Geschichte einzutauchen, die sie in Händen hält. Immer wieder beginnt sie dieselbe Seite von neuem zu lesen. Um an Ende festzustellen, dass sie die Worte las, ohne den Inhalt aufzunehmen.

Das Rascheln der Blätter wird lauter, der Wind stärker. Sie legt das Buch auf ihren Schoß, schließt die Augen und genießt den warmen Windstrom, der sie umhüllt. Nun erwacht auch die große Birke, die im Nebengarten steht. Ein altes, riesiges Ungetüm, gleichsam schön und lästig. Das Birkenlaub zittert gewaltig unter den Windböen, die dicken Äste schwingen sanft hin und her, werfen manch dünnen Ast ab.

Dann wirbelt eine richtig starke Böe durch die Luft und löst einen wahren Regen aus Birkensamen aus. Sanft tanzen die Birkensamen in der Luft. Wie kleine Falter mit weit ausgestreckten Flügeln schweben sie dahin. Beschreiben Kreise und Wirbel, schweben nach unten, heben sich noch einmal empor, lassen sich vom Wind tragen, bis sie schlussendlich in kleine Pirouetten zu Boden gleiten.

Sie sitzt da und bestaunt dieses wundersame Theater. Als säße sie in einer Schneekugel, die gerade ganz arg geschüttelt wurde und nun ihren Zauber entfaltet. Ihr inneres Kind juchzt, wie sie so inmitten des Birkensamenregens sitzt. Sie lächelt, sich ganz dem Zauber hingebend, der in diesem Moment liegt. Wie das Sterntalerkind, geht es ihr durch den Kopf.

Dann legt sich der Wind, die Luft wird wieder klar und alles rundherum, der gesamte Garten, die Hausfassade, die Terrassen und auch sie selbst sind von einer dicken Schicht Birkensamen bedeckt. Sie fährt sich über den Kopf, ihre Finger stocken im Durcheinander von Birkensamen und Haaren.

Der Zauber des Moments ist vorbei. Immer noch lächelnd erhebt sie sich. Zuerst kämmt sie ihr wüst durcheinander gebrachtes, verklebtes Haar. Dann schnappt sie sich den alten Besen und beginnt die dicke Schicht Birkensamen von überall abzukehren. Es ist nicht leicht mit einer Birke als Nachbar zu leben, da dieser stolze Baum unbarmherzig seinen Mist abwirft. Eine Sisyphusarbeit. Und doch sind da solch ganz spezielle Momente wie eben, die sie für kurze Zeit in eine ganz andere Welt entführen. Momente, die sie trotz allem nicht missen möchte.

© Lebensliebhaberin 2020-08-30

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