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Buntausmalen oder schönfärben

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Buntausmalen oder schönfärben | story.one

Mir geht's gut, aber halt immer viel zu tun. Du weißt ja, wie das ist. Die Kinder sind anstrengend, jeden Tag ist was neues zu managen. Und Er ist so wenig da, ja, Erfolg hat halt seinen Preis, dafür geht's uns allen super. Stell dir vor, wir haben jetzt endlich Urlaub gebucht für dieses Jahr, in der Heimat, war gar nicht einfach, was passendes zu finden. Weil wir sind ja einen gewissen Standard gewöhnt, den wollten wir jedenfalls haben. Verzichten wollen wir aber nicht darauf, wegzufahren, gerade heuer, wo wir eh so viel daheimhocken mussten.

Ihre Worte sprudeln wie Gischt aus ihrem Mund, dessen Züge verhärteter als sonst wirken. Um ihre Augen liegen dunkle Schatten, die trotz ihres perfekten Make-ups schemenhaft zu erkennen sind. Ihr Blick ist stumpf, getrieben.

Ach, du hättest dich gemeldet? Das muss ich ganz übersehen haben. Du weißt ja, wie viel ich immer um die Ohren hab. Er hat's ja gut, vertschüsst sich jeden Tag in seine ach-so-wichtige Arbeit und lässt mich mit dem Familienchaos allein. Ich hab ja schon gesagt, dass die Kids gerade eine sehr anstrengende Phase haben. Die Große ist stumm wie ein Fisch und schlurft den ganzen Tag wiederwillig durch die Gegend. Der Kleine ist kaum von den Spielen am Handy wegzukriegen, ein ständiger Kampf, sag ich dir. Da geht so manches unter, wie dein Anruf. Ach, es waren mehrere? Das tut mir schrecklich leid.

Ihre Gestik verhärtet sich, ihr dürrer Körper, wie immer perfekt in teure Kleidung gesteckt, verspannt sich zusehends. Nervös nestelt sie an ihrer teuren Handtasche herum, fast so, als würde sie sich daran anhalten.

Aber insgesamt geht's uns allen super! Ich bin sehr zufrieden, bald fahren wir in Urlaub und dank der Putzfrau, die ich seit einiger Zeit habe, bleibt auch genug Zeit für mich. Schließlich hält sich mein Körper nicht von selbst in Form. Ach, und ein neues Auto hab ich auch gekriegt. Er ist ja so ein Schatz, verwöhnt mich immer wieder, dafür, dass ich die Familie so gut in Schuss halte. Und du? Ah ja, wie immer, viel daheim, viel Ruhe, wenig Kontakte. Du solltest mehr raus! Wir müssen jetzt bald mal wieder gemeinsam Frühstücken, ok? Ups, jetzt muss ich aber, der Kleine muss zum Judotraining, ich bin ja immer alleine für alles verantwortlich. Aber ich darf nicht jammern, dafür bringt Er ja das Geld heim.

Ein unheimliches Lachen bricht aus ihr heraus, das an Traurigkeit kaum zu überbieten ist. Dabei legt sie ihren Kopf in den Nacken, an ihrem Hals treten dicke Stränge zutage, was ihre verspannte Ausstrahlung noch intensiviert.

Ich sehe ihr nach, wie sie auf ihren teuren Pumps über das Kopfsteinpflaster hastet. Ein Bild von einer perfekten Frau, die ihr leiden am sinnleeren Leben selbst gar nicht mehr spürt. Irgendwann hat sie den inneren Pinsel zur Seite gelegt, hat aufgehört, die Momente des Lebens buntauszumalen, bewusst zu erleben, und ist dazu übergegangen, das Leben nur noch schönzumalen, den Momenten im Nachhinein jenen Anstrich zu geben, den sie in Wirklichkeit gerne gehabt hätte.

© Lebensliebhaberin 2020-07-05

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