Carinchens Welt: Herzstillstand

Es gibt eine Menge Ergeignisse in meinem Leben, die mich bisher an den Rand eines Herzstillstands brachten.

Da wäre das Finden und wieder Verlieren von Liebe. In jungen Jahren wurde ich davon immer wieder sehr gebeutelt, mit steigendem Lebensalter und einhergehender Lebenserfahrung wird dies stetig seltener.

Oder die Grenzerfahrungen, gerade noch, wie durch Geisterhand, einem Unfall zu entgehen. Wenn ich kopflos durch das Leben rase, am Ziel ankommend oft nicht weiß, wie ich dorthin gelangt bin. Erst durch einen Schreckensmoment schlagartig begreife, wie nah ich der Anderswelt wieder gekommen bin. Oft spüre ich richtiggehend, wie mich Geisterhand sanft zur Seite gedrängt, raus aus der Gefahrenzone.

Heute war es meine Schusseligkeit im Computerumgang. Ratternden Hirns haben die Finger meiner Maushand wieder einmal schneller geklickt, als die Gedanken flossen. Und plötzlich war mein Arbeitsordner weg. WEG! Mit weit offenen Augen starrte ich ungläubich auf den Bildschirm, mein Herz setzte für eine unendlich lange Sekunde aus, ich vergaß zu atmen und dachte nur OH MEIN GOTT! Gänsehaut überzog meine Arme und Nervenzittern durchfuhr kurz, aber intensiv meinen Körper. Tausend Gedanken drängten sich im engen Hirnkanal, alle wollten zugleich kreischend wahrgenommen werden.

Es fiel mir schwer dem Hotlinedienst zu beschreiben, was gerade geschehen war, zu groß war der Schock darüber, dass ich meine gesamten Arbeitsunterlagen mit nur einem unbedachten Klick ins ewige Nirvana geschossen haben könnte. Ganz leise erhob sich ein Hoffnungsschimmer. Frägt der Computer nicht immer noch mal nach, bevor etwas gelöscht wird? Da war doch gar keine Frage, oder?!

In unendlicher Geduld ertrug die Hotlinedame zuerst mein traumatisches Gestammel, um dann strukturiert und in Ruhe die Sache in die Hand zu nehmen. Es war wie ein Erweckungserlebnis, als mein Arbeitsordner wieder erschien. Ich hatte ihn, unbemerkt, in Gedanken versunken, in einen anderen Ordner verschoben. Die Sonne ging auf in mir, alles war gut und in diesem Moment dachte ich, wie unwichtig die vielen Aufreger sind, die mich täglich herausfordern, nach dieser Erfahrung!

Jetzt, einen halben Tag später, sehe ich schmunzelnd auf dieses Erlebnis zurück. Ich schwöre, ich hätte in diesem Moment einen Packt mit dem Teufel geschlossen! Wie gut, dass die Hotlinedame mich als erste kontaktiert hat.

Angesichts der schlimmen Weltlage, des Wahnsinns da draußen, des Elends und der vielen Gewalt, scheint ein vermeintlich gelöschter Ordner nun wirklich kein Grund zu sein für einen Herzstillstand. Aber ich sage euch, es ist doch so. Denn gerade die kleinen Dinge des Lebens wirken in die Welt hinein, in jenem Maße, in dem sie ertragen und überwunden werden.

© Lebensliebhaberin