Carinchens Welt: Pflicht und Kür des Leben

Die erste Hälfte meines Leben kannte ich nur Pflicht. Es gab kein Hinterfragen, kein über die Stränge schlagen, kein mal aus der Reihe tanzen. Ich konnte mit der Welt da draußen nichts anfangen, wusste nur, wie ich am Besten damit zurecht kam - mit Pflichterfüllung per excellence. Denn Perfektion macht unangreifbar.

Gott gab mir die Gaben, klar zu sehen, schnell zu begreifen und das Gelernte zu perfektionieren. Dazu schenkte er mir jene Leidensfähigkeit, die mich zum Kreuzträger prädestinierte und so musste es schon wirklich hart kommen, damit ich mal in die Knie ging.

Mit Menschen kam ich wenig klar, ich konnte deren klagendes Existieren schwer ertragen, wo doch die Lösungen so klar und einfach waren. Ich redete wenig, wenn ich etwas sagte, ging es meist schief, fehlten mir doch Empathie und Diplomatie, die zwei wichtigen Säulen guter Kommunikation.

Was mich vor dem emotionalen Tod rettete, war die Zugehörigkeit zu einer Gruppe Aussenseiter. Sie nahmen mich, wie ich war und ich fühlte mich in diesem kleinen Kreis wie Eine unter Vielen. So verbrachte ich jede freie Minute im Kreise der Gleichgesinnten, ohne darüber nachzudenken, ob es vielleicht mehr geben könnte im Leben.

Mitte Zwanzig begann dann der innere Umbruch. Durch einen persönlichen Schicksalsschlag schwer geschüttelt, wurde mir das erste Mal in meinem Leben von einem fremden Menschen Hilfe zuteil. Einfach so, ohne Bedingungen, ich konnte es nicht fassen und nahm diese angesichts der extremen Schieflage meines Lebens an. Damit begann meine innere Entwicklung, die gleichermaßen unbegreiflich wie unbewusst vor sich ging.

Die fremde Frau wurde zu meiner besten Freundin, so lernte ich soziales Miteinander und in sehr kleinen Schritten begann ich im Leben mehr als reine Existenzpflicht zu sehen. Die Jahre vergingen, Menschen kamen und gingen, von jeder Begegnung nahm ich mir etwas mit.

Mein Wesen öffnete sich, meine Gaben entfalteten sich und immer öfter krönten schöne Momente meine Existenz. Ich lernte meine extreme Überempfindlichkeit und Klarheit zu einer meiner größten Stärken auszubilden, was mich befähigte schwierigste Probleme auf meine ganz eigene Art zu lösen. Mein beruflicher Aufstieg schwang im Gleichklang mit meiner persönlichen Entwicklung.

Es brauchte sehr lange Zeit, bis ich das Gleichgewicht zwischen Pflicht und Kür im Leben fand. Oft strauchelte ich, manchmal blieb ich erschöpft liegen, doch immer rappelte ich mich wieder auf. Dann wurden die Phasen des selbstbestimmten, freien Lebens, der Kür, immer länger und auch intensiver. Damit einher zog eine Stabilität in mein Sein, die seither die Basis meines Lebens ist.

Nach 5 Jahrzehnten voller unglaublicher Begebenheiten, Überlebenskämpfe, Reifung, Menschwerdung und das finden der Liebe zur mir selbst und zum Leben, bin ich angekommen bei mir. Ich lebe bewusst, einfach und intensiv und kann jetzt aus tiefsten Herzen sagen - ja, es gibt definitiv mehr Kür als Pflicht in meinem Leben.

© Lebensliebhaberin