Carinchens Welt: Spätsommer des Lebens

Seit 2 Monaten bin ich jetzt im neuen Jahrzehnt, den Fünfzigern, die Bilanz sieht bisher ausgewogen aus. Einerseits fühle ich mich jung und fit wie nie, andererseits gibt es da Eigenarten, die als neu ins Leben zu integrieren sind.

Am Beginn meiner Vierziger beschloss ich gesund und geistig wie körperlich fit alt zu werden. Es gab keinen echten Anlassfall, der Gedanke war plötzlich da und ließ sich nicht mehr verdrängen. Da war das Bewusstsein, dass ich die Hälfte meines aktiven Lebens erreicht hatte, daraus entsprang der Plan, bis 80 jedenfalls fit zu sein und erst danach die ersten Wehwehchen zu akzeptieren. Nach dem Motto > das Unmögliche anstreben, um das Mögliche zu erreichen < begann ich dieser Erkenntnis nachzugehen.

Anfang Vierzig begann ich mit Thaiboxen, das mir zugefallen war, ohne es bewusst gesucht zu haben. Vom ersten Training an wusste ich, dass diese alte thailändische Kampfsportart genau meins ist, seit mittlerweile 10 Jahren halte ich mich mit dem old-school-Ganzkörpertraining fit. Das ich mich damit auch selbst verteidigten kann, ist ein schöner Nebeneffekt. Ergänzt wird mein körperliches Fit halten am Rücken eines wunderbaren Pferdes. Reiten bedeutet aus der Körperspannung heraus die Energie fließen zu lassen, reinste Gelassenheitsübung, denn mit Druck oder Kraft geht gar nichts. Beide Sportarten ergänzen sich wunderbar, sie halten mich beweglich, stark und ausgeglichen, gerade in schwierigen, krisenhaften Zeiten geben sie mir viel Halt.

Neu sind Eigenarten wie dass mein Stoffwechsel jede längere Fauleinheit dazu nützt sich sofort abzuschalten. Ich war ja immer ein Brocken, mal mehr mal weniger, aber jetzt schein ich ohne ein gewisses Maß an Sport sogar von Luft zuzunehmen. Darüber hinaus hat sich meine naturgegebene Melancholie deutlich vertieft. Neu ist auch, dass ich sehr schnell ins Schwitzen komme, und das richtig, mir rinnt das Wasser gerade so vom Kopf, als würde ich permanent Marathon laufen. Am lästigsten aber ist, dass ich ab und an echte Schlafstörungen habe, etwas, das ich nie kannte. Der Schlaf war immer mein Freund, ich konnte zu jeder Zeit viel und gut schlafen. Nun kommt es - noch selten, aber doch - vor, dass ich mich eine Nacht lang im Bett wälze, nur vor mich hindösend, ohne einen Grund dafür zu haben. Mein Arzt meint, das sind die ersten Vorboten des Wechsels, na meine Güte, das wird noch was werden, aber ich hab schon so vieles in meinen Leben überwunden, das werd ich doch auch noch gut hinkriegen.

Als ich heute mit Massimo die Abendrunde drehte, unaufhaltsam vor mich hinschwitzend, dachte ich, ja, jetzt bin ich angekommen im Spätsommer meines Lebens. Eigentlich ein gutes, warmes Gefühl, wenn da nicht plötzlich auch immer wieder die Endlichkeit des Lebens in meinen Fokus rücken würde. Die Erkenntnis, das ich mehr Lebenszeit hinter mir als vor mir habe, erstaunt mich dann doch immer wieder. So ist es nun mal, das Leben, also das Beste draus machen, aus vollem Herzen, bis zum Schluss.

© Lebensliebhaberin