Carinchens Welt: Zeit der Dämmerung

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Carinchens Welt: Zeit der Dämmerung | story.one

Der August neigt sich dem Ende zu, bereits kurz nach 2o Uhr kriecht die Abenddämmerung unübersehbar über das Land, ich kann es nicht fassen, dass die ersten 7 Monate dieses Jahres wieder vorbei sind.

Gestern Abend aktivierte ich die Zeitschaltuhren, die wohl einfachste Methode sich gegen Dämmerungseinbrüche zu rüsten. Es ist bereits über 20 Jahre her, dass bei mir eingebrochen wurde. Mein kleines Heim liegt im Erdgeschoß und ist von drei großen Terrassentürenfronten gesäumt, durch die man wunderbar in den Garten hinaus sehen kann. Gleichzeitig bieten sie beste Aussicht in die Wohnung und da damals noch keine Außenbeleuchtung angebracht war, lud ich die Einbrecher sozusagen dazu ein einzusteigen.

Sie kamen über eine Terrassentüre, die sie mühelos aushebelten, ohne Schaden anzurichten. In der Wohnung wurden wirkliche alle Schubladen herausgezogen und Kastentüren geöffnet, auch hier, ohne Schaden anzurichten. Als ich die Wohnung betrat, dürften die Einbrecher zeitgleich über die Terrasse geflohen sein. Ich spürte ihre Präsenz noch, es war ein angsteinflößendes, extrem unangenehmes Gefühl und der Anblick der geöffneten Schubladen und Türen war der Tropfen, der das Faß voll Angst zum überlaufen brachte.

Die ersten Tage waren schlimm, immer war jemand bei mir, trotzdem konnte ich nachts nur wenig schlafen. Der Schrecken saß mir tief in den Knochen, obwohl ich niemanden gesehen hatte. Es war die Präsenz des Fremden, die damals überbordend und bedrohend im Raum stand, die sich tief in meine Seele gefressen hatte und mir so große Angst machte.

Viele Wochen hatte ich große Angst heimzukommen. Ich schlich mich an meine Wohnung an, sah zuerst durch alle Fenster, bevor ich ängstlich die Wohnung betrat. Als allererstes durchschritt ich hektisch alle Zimmer, die Luft anhaltend, und erst, als ich sicher war, dass sich niemand in der Wohnung befand, atmete ich aus, zog ich die Türe zu und kam langsam an.

Seither habe ich über die Zeit der frühen Dämmerung zwei Zeitschaltuhren installiert, an denen kleine Nebenleuchten angesteckt sind, die ein schwaches, aber doch sichtbares Licht ausströmen. Immer, wenn ich bei Einbruch der Dunkelheit nach Hause komme und schon von Weitem durch die Fenster die warmen Lichter sehe, erinnere ich mich an das, was der Polizist damals sagte. Ein Licht bedeutet, dass da jemand lebt, dass es bewohnt ist und im selben Moment wird das Zuhause uninteressant für Einbrecher, die ja unerkannt ein- und aussteigen wollen, ohne Konfrontationsgefahr.

Als ich heute morgen um 5 Uhr Früh den Wecker abdrehte, sah ich durch das Fenster nur Dunkelheit. Ich hatte die letzten 3 Wochen Urlaub, weshalb ich immer erst gegen 7 Uhr aufgestanden bin, dass nun auch meine Aufstehzeit in Dunkelheit liegt, ist mir daher total entgangen. Deshalb schalten sich nun die Lichter auch morgens automatisch ein, es gibt übrigens nichts angenehmeres, als bei Licht wach zu werden.

Wer hat nur an der Zeit gedreht, frage ich mich.

© Lebensliebhaberin