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Das Ende einer Ära

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Das Ende einer Ära | story.one

Völlig überraschend endet mit dem heutigen Tag eine Ära, die sich sagenhafte 33 Jahre durch mein Leben zog.

Mit 18 Jahren bekam ich mein eigenes Motorrad. Nicht, weil ich es wollte, sondern weil es Norm war, da, wo ich groß wurde. So wechselte ich mit meiner Volljährigkeit vom Beifahrer auf den Fahrersitz. Wurde selbstverständlich aktiver Teil der männlich dominierten Bikergruppe.

Natürlich bekam ich nicht irgendein Motorrad. Es war eine XT500A, Bj 1983, damals schon ein Kultrad. 500 ccm in 1 Zylinder, aus denen die gerade einmal 34 PS kraftstrotzend wie ein wilder Stier aus dem unteren Drehmoment heraus galoppierten. Ein guter Fahrer hängte damit jeden Straßenmotorradfahrer auf die ersten Meter uneinholbar ab. Gegen den kraftvollen Dampfhammer hatten die PSstarken Sensibelchen keine Chance.

Ich fuhr gerne, doch war es für mich immer eine extreme Herausforderung. Alle Burschen der Gruppe waren Motocrossfahrer, die ihre Fähigkeiten auch im Straßenverkehr entsprechend einfließen lassen konnten. Ich dagegen zuckelte immer hinterher, versuchte mitzuhalten, immer bedacht darauf, nicht meinen Hals zu riskieren. So lernte ich meine eigenen Grenzen zu akzeptieren. Extremtouren erlebte ich weiter als Sozius, was angesichts des Fahrstils der Burschen nicht viel weniger Können erforderte.

Mit den Jahrzehnten änderten sich auch die Prioritäten in meinem Leben. Das Motorradfahren gelangte immer mehr in den Hintergrund. Nach meiner Trennung aus der Gruppe und von dessem unausgesprochenen Anführer wurde es mit der Zeit immer weniger. In den letzten 15 Jahren fuhr ich nur noch wenig. Ein paar gemütliche Ausfahrten im Herbst, wenn das Wetter für mich passte. Denn bei 30 Grad Hitze auf einem vor sich hindampfenden, alten 1-Zylinder zu sitzen, empfand ich mit zunehmendem Alter einfach als mühsam.

Heute dann der jährliche Werkstatttermin. Der Werkstattbesitzer kennt meine XT seit Anbeginn. Viel musste er in den vergangenen Jahrzehnten schon daran schrauben. Als ehemaliger Spitzen-Motocrosser ist die Liebe zu dieser Art Maschinen fest in ihm verankert. Obwohl er bereits 70 Lenze überschritten hat, ist er immer noch aktiv in der Werkstatt tätig. Mittlerweile restauriert er solche Fahrzeuge, eine Winterarbeit, aus der jedes Frühjahr ein Meisterstück entspringt.

Ich sage ihm, dass ich die XT verkaufen möchte. Er sieht sich die Maschine an, wägt ab. Wir sehen uns an, beide mit jenem Glanz in den Augen, der ohne Worte vermittelt, dass sich zwei Gleichgesinnte gegenüberstehen. Innerhalb weniger Minuten ist es abgemacht. Meine XT wird kommenden Winter die Metamorphose zu neuem Leben durchmachen. Nächstes Frühjahr wird sie in ein neues Leben starten. An der Seite eines Menschen, der diese Art Gefährt schätzen kann. Damit umgehen kann, denn das können heute nur noch wenige.

Ich bin sehr zufrieden. Tränen zwicken in den Augen. Viele Erinnerungen an eine lang vergangene Ära durchströmen mich. Adieu, meine gute XT.

© Lebensliebhaberin 2020-05-26

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