Das Glasscherbenviertel

  • 67
Das Glasscherbenviertel | story.one

Sie war 8 Jahre alt, als sie mit ihrer Familie in das Glasscherbenviertel an der Alpenstraße zog. Dieses Viertel verdankte seinen Namen der hier ansässigen große Glasfabrik, in der wunderbare Kristallglaskreationen gefertigt wurden. Der Name war aber auch Ausdruck für jenen Menschenschlag, der hier nach Aufhebung des Internierungslagers Glasenbach ansässig blieb.

Nach dem 2. Weltkrieg war dieses Viertel Teil des Lager Glasenbach, einem Internierungslager für Nazi-Verdächtige und Sympathisanten mit dem NS-Regiem. So reichte die Bandbreite der Insassen vom einfachen Soldaten bis zum führenden NS-Mitglied, vom vermeintlich Unschuldigen bis zum nachweislichen Täter, von Männern, Frauen und auch Kindern. Nach der Auflösung des Lagers blieben viele der einfachen NS-Soldaten mit ihren Familien hier wohnhaft.

Das Viertel war geprägt von großen, kasernenartigen Gebäuden, die sich in L-Formen so in die Landschaft schmiegten, dass großzügige Innenhöfe entstand. Die Bewohner waren harte Menschen, die Männer gingen mürrisch ihrer Arbeit nach und waren daheim gefürchtete Patriarchen. Die Frauen waren für den reibungslosen Ablauf des Familienlebens zuständig. Es gab kaum einen Tag, an dem nicht aus einer der Wohnungen die Ausläufer häuslicher Gewalt zu hören waren. Für die Kinder gab es nur eine Regel, deren Befolgung vor körperlicher Züchtigung schützte, nämlich die, ohne hinterfragen zu befolgen, was aufgetragen wurde.

Anfangs durfte sie sich nicht mit den anderen Kindern abgeben. Gerade zugezogen, wurde ihre Familie sehr argwöhnisch beäugt. Ihre Mutter, eine bildschöne Frau mit polnischer Abstammung, selbstbewusstem Auftreten, geschieden, mit 2 Kindern, hatte sich in den Sohn eines ehemaligen NS-Soldaten verliebt, was den Umzug in dieses Viertel begründete. Diese Tatsache erschwerte die Eingliederung der Familie in das Siedlungsleben, es dauerte geraume Zeit, bis sie irgendwann doch akzeptiert waren.

Als sie endlich Teil der Kinderclique war, gab es kaum einen Tag ohne Abenteuer. Es gab wenige, aber klare Grenzen. Sie wussten alle, wann sie zu Hause sein mussten und was sie keinesfalls tun durften, ansonsten waren sie vogelfrei. Egal, ob sie in Scharen durch das weitläufige Siedlungsgebiet zogen oder ob sie die üppigen Waldgebiete erkundeten, wichtig war nur, dass sie in Bewegung waren. Denn sobald auch nur der Verdacht aufkam, dass sie sich fadisieren könnten, waren sie schon zu Arbeitsdiensten bei der nie enden wollenden Hausmeisterarbeit eingeteilt.

Es war eine harte, aber auch gute Kindheit. Sie hatte das Glück nicht jene häusliche Härte durchleben zu müssen, der viele der anderen Kinder tagtäglich ausgesetzt waren. Zwar fehlte es an warmer Zuwendung, für die in dieser Zeit einfach kein Platz war, aber es war ein gutes Zuhause, in der Ungerechtigkeiten nur selten stattfanden.

Diese Siedlung gibt es heute noch, in modernisierter Form, in neuem Gewand, mit anderen Menschen.

© Lebensliebhaberin