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Das kriminelle Gesicht der Armut

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Das kriminelle Gesicht der Armut | story.one

Ich gehe fast jeden Tag an ihr vorbei, seit gut fünf Jahren, ohne ihr einen Blick zu schenken, zu sehr geht sie und ihre Sippe, die seit Jahren die Altstadt belagern, mir auf die Nerven. Zweifellos sind die Zigeuner arme Menschen, doch ist da etwas, das ihre Armut stark überlagert, nämlich die Tatsache, dass sie kriminell organisiert sind, dass sie aufdringlich und gefährlich sind. Wenn der Moment es möglich macht, drängen sie ihr Opfer in ein Eck, bedrängen es körperlich, skrupellos. Ihre Opfer sind durchwegs alte oder schwache Menschen, Menschen, die sich ihrer nicht erwehren können, und das ist es auch, was mich der rumänischen Bande gegenüber so ablehnend macht.

Mehrmals schritt ich bereits ein, wenn ich am Weg durch die Stadt wieder einmal zu einer Szene stieß, in der ein wehrloses Opfer von mehreren jungen Zigeunern in einer abgelegenen Gasse bedrängt wurde. Und jedes Mal war es nicht einfach, die Bettler dazu zu bringen von ihrem Opfer abzulassen. Ich bin eine dominante Erscheinung, normalerweise weichen die Menschen aus, wenn ich mich aufplustere, doch die Zigeuner sind aus einem Holz, das sogar mir Angst einjagt, wenn sich zwei der drei plötzlich gegen mich wenden und mich ungeniert, durch körperliche Rempelei von dem Szenario wenige Schritte vor mir fernhalten will.

In meiner Abneigung bin ich stets streng zu mir selbst, darum bemüht, trotz allem gerecht zu bleiben. Denn auch für die rumänische Bande gilt, dass nicht alle in einen Topf geworfen werden dürfen, dass es auch in dieser Gruppe gute und schlechte Menschen gibt - die einzige Einteilung, die für mich gilt. Ich mache mir klar, dass die Zigeuner aus ihrer Geschichte heraus ein ganz anderes Leben führen, dass sie immer noch ein fahrendes Volk sind, mit anderen Regeln und Lebensinhalten als ein Mensch wie ich. Und doch, das, was den gravierenden Unterscheid macht, ist der kriminelle Aspekt, denn, egal, wie man lebt, wenn täuschen und bestehlen und bedrohen ein Teil des Lebenskonzepts ist, dann kommt bei mir ablehnende Haltung auf.

In den fünf Jahren, in denen ich an ihr vorbei gehe, hat sie sich verändert. Obwohl noch blutjung, vielleicht gerade einmal Zwanzig, erwartet sie bereis ihr zweites Kind. Während ihr Bauch immer größer wird, schrumpft ihr Körper und ich kann sehen, dass ihr die dem Ende zugehende Schwangerschaft Probleme macht. Ich sehe ihre traurigen Augen, den Schmerz in ihrem Gesicht und frage mich, ob sie sich vorstellen könnte, ein anderes Leben zu führen, fernab dem, das sie kennt.

Dieses kriminelle Gesicht der Armut ist für mich wohl die größte Herausforderung. Zu sehen, dass unter den Lumpen modische Kleidung steckt, dass jeder Bettler mit Smartphone ausgestattet ist, ungeniert damit Gespräche führt, und sich die jungen Bettler in ihrer Freizeit übermütig im Getümmel bewegen, als seien sie Touristen. Es ist schwer, aber sehr notwendig, meine Ablehnung zu entschärften, indem ich bewusst den Menschen und nicht die Provokation wahrnehme.

© Lebensliebhaberin 2019-12-28

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