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Das Leiden am eigenen Ego

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Das Leiden am eigenen Ego | story.one

Wieder einmal war sie unglücklich. Dieses Mal war das Glück einer Freundin schuld daran. Diese Freundin, die immer noch plappernd vor ihr stand, erzählte ihr gerade, dass sie einen Mann kennengelernt habe. Sie seien sich im Internet begegnet, würden jetzt schon eine Zeit lang miteinander schreiben und für bald sei das erste Treffen geplant. Während ihre Freundin mit geröteten Wangen und jenem Leuchten, das nur Verliebten zu eigen ist, von ihrem neuen Glück schwärmte, wurde es in ihr immer dunkler. Warum sie und nicht ich, dachte sie grimmig.

Sie war Ende Zwanzig, sah top aus und war mehr als bereit für einen Mann und Familie, doch keines von beiden war auch nur annähernd in Sicht. Alle bisherigen Beziehungsversuche scheiterten immer am gleichen Punkt, nämlich daran, dass ihre Partner schon nach kurzer Zeit zu wenig Interesse an ihr zeigten, zu träge im gewohnten Leben verharrten. Sie verstand einfach nicht, warum ihr das partnerschaftliche Glück nicht zufiel.

Vor einiger Zeit nahm sie sogar persönliches Coaching in Anspruch. Eine Arbeitskollegin erzählte ihr, es sei gerade total "in" auf diese Weise in kurzer Zeit seinen Weg im Leben zu findet. Begeistert von dieser Idee sprang sie auf diesen Zug auf, versuchte es sogar mit zwei verschiedenen Coaches, doch beides brachte nicht den gewünschten Erfolg.

Mit der ersten Coachin verstand sie sich sehr gut, es machte Spaß sich von deren Sicht der Dinge berieseln zu lassen, ohne dass sie selbst viel dazu beitragen musste. Jedes Mal ging sie mit einer to-do-Liste nach Hause, die sie pflichtbewusst, aber ohne echtes Engagement abarbeitete, ohne Erfolg.

Mit der zweiten Coachin war es kurzzeitig sehr spannend, musste sie sich das erste Mal in ihrem Leben mit ihren eigenen unschönen Eigenschaft auseinandersetzen. Doch bald wurde ihr das zu viel. Sie wollte einen schnellen Weg zum ersehnten Familienglück und kein ständiges Hinschauen auf das, was bei ihr nicht stimme.

Sie hakte beide Coachingversuche als Erfahrungen ab und kehrte wieder ins vertraute Leben zurück. Nun waren es wieder Freundinnen, die sich ihre Verzweiflung über ihr liebloses, einsames Leben anhören mussten. Ein wesentlich kostengünstiger Weg und vor allem ohne diese nervende Dauerherausforderung "an sich wachsen zu sollen".

Ihre Freundin schnatterte immer noch aufgeregt vor sich hin. In bunten Farben malte sie ein Bild schönster Verliebtheit, dass es kaum auszuhalten war. Sie ist so ein Ego, dachte sie sich, schnattert wie ein verliebtes Huhn vor sich hin und interessiert sich kein bisschen für meine Lage. Höchste Zeit, dieser Schnatterei ein jähes Ende zu setzen, beschloss sie und schob ihre Freundin unter fadenscheinigen Gründen aus der Wohnung.

Endlich konnte sie sich wieder in Ruhe ihren eigenen Gedanken widmen. Es wäre alles so leicht, wenn die Männer doch nur erkennen würden, was für ein Schatz sie ist, denkt sie, während sie die Nummer einer anderen Freundin wählt, um über ihr Leid ausführlich zu klagen.

© Lebensliebhaberin 2019-09-23

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