skip to main content

Das unheimliche Dachgeschoß

  • 105
Das unheimliche Dachgeschoß | story.one

Dunkel und furchteinflößend umfasst das begehbare Dachgeschoß den oberen Stock des Gemeindebaus. Der Plafond des großen Raums folgt in seiner Form der Form des Daches. An der Hauskante liegt die Raumdecke gerade einmal eineinhalb Meter über dem Boden, am höchsten Punkt des Daches erreicht die Raumdecke sicherlich die dreifache Höhe eines normalen Raums.

Die Mitte des Dachgeschoßes, bis hinaus zur Hauskante, so weit, wie man eben gerade noch stehen kann, ist mit Wäscheleinen durchzogen, damit der Raum nicht ganz brach liegt, sondern zumindest zum Aufhängen von Wäsche genutzt werden kann. Jede andere Nutzung ist strengstens verboten. Im Zentrum des riesigen Raums sind ein paar Glühbirnen angebracht, deren Licht mehr einer Funsel gleicht. Es sind gerade einmal kleine helle Punkte in der Dunkelheit, dessen Radius nicht mehr als eine Armlänge umfasst. Je niederer die Raumhöhe wird, also zur Hauskante hin, desto dunkler wird es, die letzten nutzbaren Wäscheleinen sind nur mehr zu erahnen, als zu sehen.

Der große, dunkle Raum scheint ein Eigenleben zu führen. Die riesigen, hölzernen Dachbalken ächzen oder knarren vor sich hin, je nach Jahreszeit. Im Sommer ist es erstickend heiß, im Winter klirrend kalt da oben. Die Dunkelheit, nur durch das Licht viel zu schwacher Glühbirnen unterbrochen, zeichnet unheimliche Schattenfiguren, lässt furchteinflößende Bewegung erahnen, setzt gar nicht vorhandene Erscheinungen ins Hirn.

Es gibt nur einen Zugang zum riesigen Dachgeschoß, eine schwere Eisentüre, die immer ganz weit offen steht, wenn sich jemand da oben aufhält. Weil dadurch auch etwas Licht vom Stiegenhaus hinein in den dunklen Raum fließt, die unheimliche Stimmung etwas gemildert wird.

Meistens werden schon größere Kinder zum Wäscheaufhängen raufgeschickt. Keines der Kinder geht gerne rauf in die Dunkelheit, zu viele unheimliche Geschichten ranken sich um das Dachgeschoß. Woher diese stammen, weiß niemand, zu lange werden sie schon weitererzählt.

Verstärkt wird die Furcht durch so manchen Streich, den sich die Kinder gegenseitig spielen. Wenn plötzlich die schwere Eisentüre zufällt und damit das beruhigende Licht aus dem Stiegenhaus, der sichere Weg hinaus aus der unheimlichen Dunkelheit verschwindet. Wenn sich Kinder in einer der dunklen Ecken verstecken, um das eintretende Kind zu erschrecken.

So wird das Wäscheaufhängen zur Tortour. Mit großen, furchterfüllten Augen und steifen Bewegungen werden die Wäschestücke ordentlich an die Leinen geheftet. Es ist wichtig, die Wäsche ordentlich aufzuhängen, damit sie nach dem Trocknen schon fast kastenfertig abzunehmen ist. Bei jedem knarren oder ächzen der Holzbalken, bei jeder scheinbaren Bewegung in der Dunkelheit wird die Furcht größer. Atmen, sich nur auf die Wäschestücke konzentrieren, und dann im Laufschritt der offenen Eisentüre entgegen, ins tröstende Licht des Stiegenhauses hinein. Und froh sein darüber, es wieder geschafft zu haben.

© Lebensliebhaberin 2020-01-18

Kommentare

Bisher gibt es keine Kommentare.

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um Lebensliebhaberin einen Kommentar zu hinterlassen.