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Der Luxus eines warmen Zuhauses

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Der Luxus eines warmen Zuhauses | story.one

Es gab im Wohnzimmer, das durch ein raffiniert gestaltetes Kastenbett nachts als Elternschlafzimmer diente, einen Ölofen, der im Radius von 1 1/2 Metern wunderbare Wärme verströmte, wenn er denn in Betrieb war. Heizöl war ein kostbares Gut und so wurde nur immer abends eingeheizt, wenn alle Zuhause waren.

Der zentrale Treffpunkt aber war immer schon die Küche, in der es eine Eckbank und einen großen Esstisch gab. Die Mischung aus warmer Luft und herrlichen Düften, die das tägliche Kochen mit sich brachte, verbreitete jenen gemütlichen Flair, der diesem Fleckchen Wohnung eine ganz besondere Bedeutung verlieh. Obwohl das Wohnzimmer sehr schön und gemütlich eingerichtet war, pflanzten sich immer alle, egal ob Bewohner oder Gäste, rund um den Esstisch, egal, wie eng es da manchmal wurde.

An der Decke des Badezimmers war eine Heizspirale angebracht, die wie ein heiliges Relikt nur dann in Betrieb genommen werden durfte, wenn man morgens zur Katzenwäsche oder abends in die Badewanne ging. Baden war zu dieser Zeit ein weiteres wertvolles Gut, denn der riesige Boiler, der gut die Hälfte der Badewannenlänge überspannte, bot nur eine gewisse Warmwassermenge, die gut eingeteilt werden musste. So musste die abendliche Katzenwäsche mit schlotternden Knien in der Kälte erfolgen.

Das große Kinderzimmer, das dem Wohnzimmer gegenüber, am anderen Ende des langen Vorraums lag, war die Kältekammer der Wohnung. Weit weg von jeglichen Wärmequellen brauchte es den ganzen Tag, um zumindest abends eine erträgliche Temperatur zu haben. Hier standen zwei Betten mit Tuchenten, die gefühlt einen halben Meter dick waren und unter denen man komplett verschwand. So eine Tuchent war wie eine warme Höhle, in die nichts von der beißenden Kälte außerhalb eindringen konnte.

Das schwierigste war das morgendliche Aufstehen, wenn die Wohnung über Nacht ausgekühlt und unglaublich kalt war. Während des unschönen Gekeife der Mutter, die zum wiederholten Male zum Aufstehen mahnte, wurde unter der wunderbar warmen Tuchent alle Kraft gebündelt, um aus der kuscheligen Höhle raus, durch die eisig kalte Wohnung durch, ins Bad zu flitzen, um sich dort vom warmen Strahl der Heizspirale wieder aufwärmen zu lassen. Allerdings war Eile geboten, denn da waren vier Familienmitglieder, die dieses morgendliche Ritual abspulten, da musste alles wie am laufenden Band funktionieren. Schlauerweise lag das am Vorabend bereitgelegte Gewand griffbereit, um nicht wieder nackten Fußes durch die Kälte zurück ins Kinderzimmer laufen zu müssen.

In der Küche wartete dann schon das tägliche Frühstück aus einer Tasse Tee und einem Stück Butterbrot mit Marmelade oder Honig. Durch das mütterliche hantieren in der Küche und der Tatsache, schon angezogen zu sein, war es hier schon wohlig warm.

Manchmal, wenn ich heutzutage heimkomme in meine warme Wohnung, denke ich an diese Zeit zurück und jedesmal bin ich unendlich dankbar für den Luxus des modernen Lebens.

© Lebensliebhaberin 2019-12-29

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