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Der Ort der still geborene Kinder

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Der Ort der still geborene Kinder | story.one

Beeindruckend und doch unaufdringlich liegt die große Gruft aus weißem Stein an einem Eck des weit verzweigten Fußwegenetzes des Kommunalfriedhofs Salzburg. Hinter dem Grabmal erhebt sich ein riesiger, alter Baum, dessen Baumkrone die gesamte Grabesfläche umspannt und so schützend seine Äste darüber legt. Eine einfache Hecke umzäunt die Fläche, gerade so hoch, dass man auf der einfachen Holzbank sitzend geschützt ist vor neugierigen Blicken.

Mit diesem Grabmal wurde ein Ort geschaffen, um sich von den still geborenen Kindern zu verabschieden, die es mehr oder weniger ins Leben, aber nie auf diese Welt geschafft haben. Mehrmals im Jahr werden hier die kleinen Wesen, die durch Fehlgeburt, Totgeburt oder Abtreibung nicht ins irdische Leben übergehen konnten, zur Ruhe gebettet. Damit wurde ein Ort des Abschiednehmens und des Erinnerns für die Lebenden geschaffen, die, zurückgeblieben, das Unbegreifliche erst begreifen müssen und einen Weg der Erinnerung finden mögen.

Nähert man sich der Gruft, umhüllt einen schon bald ein warmes Gefühl von Geborgenheit, das von dem hellen Steingebilde ausgeht. Mit jedem Schritt, den man näher kommt, scheint der Zauber, der von diesem kleinen Ort der Erinnerungen ausgeht, stärker zu werden. An sonnigen Tagen bricht sich das Tageslicht kleine Wege durch die dichte Baumkrone und zaubert Lichteffekte auf den glatten, unendlich weich erscheinenden Grabstein, die alles noch weicher erscheinen lassen.

Steht man dann vor dem Grabmal, überwältigen einen zu allererst die vielen abgelegten Erinnerungsstücke, die rund um die Gruft aufgestellt sind. Viele Herzen, mit den Namen der kleinen Wesen, viele Laternen, deren Lichter nie auszugehen scheinen, viele kleine Engerl und Spielzeuge, die als Begleiter mitgegeben wurden. Und ein Meer aus Grablichtern, die in roten und weißen Gefäßen leuchten.

Betritt man diesen kleinen Ort der Erinnerungen, schreitet man durch den schmalen Durchgang zwischen den Hecken, umfängt einen Ruhe und Geborgenheit. Eine einfache Holzbank lädt dazu ein sich niederzulassen, innezuhalten, im Schutz der Hecke seinen Erinnerungen freien Lauf zu lassen und zurückgedrängten Emotionen Raum zu geben, loszulassen.

Hier hat man Zeit, niemand drängt, niemand gafft. Manchmal kommt ein Eichhörnchen, setzt sich ganz nah hin, schaut einen an. Regungslos verharrt es und blickt einen mit den dunklen Knopfaugen an, als würde es verstehen. Die ganz Mutigen kommen näher und nehmen die mitgebrachte Nuss direkt aus der Hand. Seit jeher gibt es ein geheimes Bündnis zwischen den Eichhörnchen und den regelmäßigen Friedhofsgängern, das von Generation zu Generation überliefert wird. Eine jener Traditionen, die, wie so viele, auszusterben droht.

Der Ort der still geborenen Kinder ist mehr als nur ein Ort der Erinnerungen. Hier scheinen sich die diesseitige und die jenseitige Welt zu überschneiden und Trost zu spenden, wie es nur wenige Orte vermögen.

© Lebensliebhaberin 2019-11-03

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