Die Nachbarn - Alles braucht seine Zeit

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Die Nachbarn - Alles braucht seine Zeit | story.one

Die Wochen verstreichen, die handwerklichen Arbeiten scheinen gut voranzugehen und obwohl die Nachbarn nun fast täglich vor Ort sind, gibt es kaum Konflikte. Ich begegne den Beiden nur selten, die vergangenen unschönen Momente scheinen ewig her. Mir fällt auf, dass SIE nun die kläffende Töle immer an der langen Leine führt, da die Gartentüre nun meist offen steht, um den Handwerkern ungestörten Zugang zum Haus zu gewähren. Ich atme zufrieden aus, die Situation mit dem irren Terrier eskaliert wesentlich weniger, wenn er sich nur im Radius seiner Leine blöd aufführen kann.

Als dann auch noch eine Trennwand aus Eisengitter auf der einen Seite des Hauses aufgestellt wird, steigt bei mir die Hoffnung, dass die Beiden dafür sorgen, dass ein Teil des Gartens abgesperrt wird, um den Hund daran zu hindern dem Gehsteig entlang für Terror zu sorgen. Leider passiert diese Maßnahme nur auf einer Seite, auf der anderen Seite des Doppelhauses passierte nichts, wahrscheinlich wegen der Besitzverhältnisse. Als die Trennwand aufgestellt ist, frage ich mich stirnrunzelnd, wozu diese einseitige Maßnahme wohl gut ist. Dabei fällt mir auf, dass die breiten Rollos, die an allen Fenstern angebracht wurden, seit dem Einbau nicht mehr hochgezogen wurden. Wie kann man in einem Haus leben, wenn die Hälfte der Fenster immer verdunkelt ist? Das geht dich nichts an, weise ich mich selbst zurecht, sei froh, dass sich die Nachbarn so unauffällig verhalten, sage ich mir streng.

Die Situation hat sich entspannt, manchmal sehen wir uns sogar an, wenn wir uns begegnen und dabei meine ich in ihrem Blick ein Interesse an Kontaktaufnahme zu erkennen. Ich spüre, dass ich ihr nur meine imaginäre Hand reichen müsste, ihr ein Lächeln oder eine höfliche Phrase schenke bräuchte, doch irgend etwas in mir sträubt sich gehörig dagegen. Denn mir ist klar, dass ich ihr dazu menschlich extrem entgegen kommen müsste und dass gleichzeitig die kleinste Unstimmigkeit sofort wieder zu Eskalation führen würde. Ich kenne diesen Menschenschlag, kann auf sachlicher Basis auch gut damit umgehen, aber in diesem Falle, auf persönlicher Basis, will ich mich nicht darauf einlassen.

Warum bist du nur so stur, fragt mich eine innere Stimme, weil ich ein persönliches Recht darauf habe auch nein sagen zu dürfen, antwortet eine andere Stimme in mir. Einige Male bietet sich mir diese unausgesprochene Möglichkeit der Kontaktaufnahme, jedes Mal entscheide ich mich dagegen, ohne mich dadurch besser zu fühlen. Auf mein ignorierendes Abweisen verschließt auch sie sich wieder.

Manchmal, wenn ich am Doppelhaus vorbei gehe, frage ich mich, ob es nicht ein Stück weit in meiner Hand läge, die angespannte Nachbarschaftssituation in eine positivere Richtung zu führen. Warum gehe ich das Ganze nicht einfach therapeutisch an, ich kann das doch, frage ich mich dann. Weil es etwas in mir persönlich anklingen lässt, antworte ich mir, ohne es genauer erklären zu können. Alles braucht seine Zeit.

© Lebensliebhaberin 08.03.2020