Die Nachbarn - Der Tropfen ins Fass

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Die Nachbarn - Der Tropfen ins Fass | story.one

Nach gut eineinhalb Jahren scheinen die Renovierungsarbeiten am Nachbarshaus grundsätzlich abgeschlossen. Das Doppelhaus bietet nun einen etwas eigentümlichen Anblick. Die linke Haushälfte, der neues Leben eingehaucht wurde, sieht wirklich gut aus. Die rechte Haushälfte dagegen fristet unverändert ein glanzloses Dasein.

Die Nachbarn kommen nun wieder nur sporadisch, meist mit Handwerkern, oder um den kleinen Gartenplatz vor dem Hauseingang in Ordnung zu bringen. Wenn wir uns begegnen, tun wir so, als wäre der andere gar nicht da. Ein gegenseitiges Ignorieren, das ausdrückt, das Beste aus einer Situation zu machen, die nicht veränderbar scheint. Ich habe mir angewöhnt, immer so viel Abstand wie möglich zwischen dem Nachbargrundstück und mir mit Hund zu lassen, was ganz gut funktioniert. Zwar glotzt Massimo, mittlerweile zwei Jahre alt, fünfundvierzig Kilo schwer und am Weg zum richtigen Hundemann, nun ungeniert zur wild herumrennenden, kläffenden Töle hinüber. Aber er ist sehr folgsam und trägt seine gute Erziehung, zu meiner Freude, unübersehbar vor sich her.

Die Situation entspannte sich so weit, dass ich phasenweise sogar unbedarft der Zufahrtsstraße entlang gehe. Dass ich ganz darauf vergesse mich auf mögliche Attacken einzustellen, so dass ich gedankenverloren, mit einem zufrieden neben mir her trottenden Hund meine Wege gehe.

Und dann dieser Abend, der mit einem Schlag all meinen Zorn über die Ignoranz der Nachbarn aufflammen ließ. Die Dämmerung setzte schon ein, ich ging entspannt der Zufahrtsstraße entlang. Da das unübersehbare Gefährt der Nachbarn nirgends sehen war, nahm ich an, dass sie nicht da waren. So schlenderte ich unbekümmert um die Ecke, zum Gehsteig hinaus, direkt am Gartenzaun der Nachbarn entlang, als völlig überraschend der Terrier vor uns erschien. Die Töle war völlig außer sich, seine dunklen Knopfaugen fixierten meinen Hund, er rannte wie von Sinnen von einer Seite zur anderen, um schlussendlich seine Zähne in das Eisengitter zu schlagen und so daran zu zerren, dass ich dachte, jetzt reißt er ein Loch raus und dann haben wir den Salat. Das alles geschah innerhalb von ein paar Sekunden und während ich noch dachte, ich muss Abstand gewinnen, sprang auch Massimo auf den Zaun zu. Ich brauchte ein paar Momente, um ihn vom Zaun wegzuzerren, da sich fünfundvierzig bewegte Kilos nicht so ohne weiteres unter den Arm nehmen lassen. Zum Glück lässt Massimo seiner Kraft nie freien Lauf, gute Erziehung zahlt sich eben aus.

Als ich den notwendigen Abstand schaffte, mein Hund wieder ruhig neben mir stand und ich endlich wieder Luft schnappen konnte, sah ich, dass die Nachbarn starr vor sich hinglotzend das Geschehen beobachteten, ohne auch nur einen Finger zu rühren. In diesem Moment wurde mir bewusst, dass ich wirklich nichts gegen diesen Zustand tun kann und heißer Zorn kochte in mir hoch. Ich zog von Dannen, mit einem Gefühl von Kriegserklärung und Kapitulation zur selben Zeit.

© Lebensliebhaberin 08.03.2020