Die Nachbarn - Dunkle Vorahnung

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Die Nachbarn - Dunkle Vorahnung | story.one

Es ist eine bessere Gegend, wie man so sagt, in der ich lebe. Ein- und Mehrfamilienhäuser reihen sich harmonisch aneinander, die meisten davon stehen im Eigentum, rundherum viel Grünfläche, obwohl direkt in der Stadt. Die Bewohner kennen sich, zumindest vom sehen her, und lassen sich gegenseitig in Ruhe, wenn man sich nicht besonders sympathisch ist.

Innerhalb dieser harmonischen Zweckgemeinschaft gibt es Bewohner, denen man es nie recht machen kann, die nicht müde werden alle anderen zu nerven. Gegen diese Menschen ist kein Kraut gewachsen. Da kramt man dann in der Strategiesammlung, versucht es mit nett, hilfsbereit, verständnisvoll sein, mit ignorieren, auf Durchzug schalten, Flucht ergreifen, mit diskutieren, auf den Tisch haun, Muskeln zeigen. Manchmal schlägt eine der Strategien kurzzeitig an, doch schon im nächsten Moment ist dessen Wirkung Schnee von gestern. Was bleibt, ist, die nervenden Nachbarn auszuhalten und darauf zu achten, ihnen nicht zu oft über den Weg zu laufen. Gut, dass es hier nicht viele davon gibt.

An einem schönen Plätzchen steht ein großes Doppelhaus. Vor vielen Jahrzehnten war es ein einfaches Haus, unscheinbar wie zig andere in der Stadt. Die Besitzer hatten eine Bäckerei, besaßen Grund. Als das Geschäft verkauft und der Besitz an die beiden Kinder weitervererbt wurde, wurde aus diesem einfachen Haus durch Zu- und Ausbau ein riesiges Doppelhaus. Prachtvoll stand es da, modern und doch klassisch, wirklich schön anzuschaun. Viele Jahre war es nicht bewohnt, weil sich die beiden Erben, denen je eine Haushälfte gehört, schrecklich in die Haare kriegten. Beide scheinen durch das Erbe für ihr restliches Leben ausgesorgt zu haben, doch glücklich machte sie das viele Geld nicht.

So kam es, dass die eine Haushälfte nie bewohnt wurde und die andere Haushälfte, in 2 Wohneinheiten geteilt, zumindest phasenweise vermietet wurde. Doch das Vermieten ging nie lange gut, weil niemand mit den Vermietern zurecht kam.

Die letzten Jahre war das wunderschöne Doppelhaus wieder gänzlich unbewohnt, der Glanz begann langsam zu verschwinden, der Zahn der Zeit nagte fleißig an allen Ecken, ohne dass sich jemand darum kümmerte. Gerüchten zufolge verfingen sich die beiden Erben in einem langwierigen Rechtsstreit gegeneinander, dessen Ergebnis nur eine Seite glücklich machte, nämlich die beteiligten Anwälte, die abkassierten.

Dann kam der Tag, an dem ein Handwerkerauto nach dem anderen an der Zufahrtsstraße parkte. Tischler, Elektriker, Installateure gaben sich die Klinke in die Hand und mitten in diesem Trubel standen die Besitzer jener Haushälfte, die bisher noch nie bewohnt wurde.

ER scheint um die Siebzig, SIE vielleicht ein paar Jahre jünger, beide wirken extrem verlebt, mit unsympathischer Ausstrahlung und überheblichen Gehabe. Ein überdimensionales Auto und eine unerzogene Töle von kleinem Hund runden das Bild ab.

Dunkle Vorahnung breitete sich in mir aus.

© Lebensliebhaberin 07.03.2020