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Ein ungewöhnliches Doppel

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Ein ungewöhnliches Doppel | story.one

Sie sind ein ungewöhnliches Doppel, dieser Mann und diese Frau, die in ihrem Auftreten so unwirklich wirken. Als Teil der Menschen am Rande der Gesellschaft haben sie ihre wenigen Habseligkeiten immer bei sich. Ein Fahrrad, ein Kinderfahrradanhänger und seit einiger Zeit ein Tretroller bilden die mobile Ausstattung des Doppels. Der Anhänger ist voll mit großen Plastiktaschen, in denen der Besitz der beiden verstaut ist. Manchmal ist auch die Lenkstange vollgehängt mit großen, prall gefüllten Plastiktaschen.

Es ist schwer das Alter der beiden abzuschätzen, da sie ein sehr ungewöhnliches Auftreten haben. Beide sind immer sauber und ordentlich, richtiggehend penibel hergerichtet. Die Kleidung ist sauber, nie geht ein übertrieben übler Geruch von den beiden aus. Er ist immer gut gekampelt, sein Bart perfekt gestutzt. Sie trägt immer eine kreativ gestaltete Frisur und ist so übertrieben geschminkt, als hätte eine Fünfjährige ihre Schönheitsphantasie an einer Puppe ausgelassen. Dass er ihr das tägliche Make-up verpasst steht außer Frage. Wie viel Zeit das Zurechtmachen jeden Tag wohl in Anspruch nimmt?

Sie wirken nicht wie ein Paar, eher wie Geschwister. Bei genauerem Hinsehen ist klar erkennbar, dass beide unter Beeinträchtigungen leiden. Sie scheint am Niveau eines Volksschulkindes hängen geblieben zu sein, ihre wenigen Worte sind schwer verständlich und erinnern mehr an das Geplapper eines Erstklässlers. Er redet kaum, sieht meist nur starr nach vorne, durch eine getönte Sonnenbrille, die er, unabhängig vom Wetter, immer trägt.

Sie sind den ganzen Tag unterwegs, durch die ganze Stadt, bei Wind und Wetter. Dabei schiebt er immer das Fahrrad mit dem Anhänger, während sie auf verschiedene Arten mit dabei ist. Oft sitzt sie am Fahrradsattel, dann wieder steht sie am Tretroller, sich mit einer Hand am Fahrrad festhaltend, immer wird sie mitgeschoben, selten muss sie selbst ein paar Schritte gehen. Ab und an werden sie von einem kleinen schwarzen Hund begleitet.

Sie scheinen in ihrer ganz eigenen Welt zu leben, nehmen die verstörten oder erstaunten oder abschätzigen Blicke der Umwelt gar nicht wahr. Sie sind weder höflich noch unhöflich, scheinen kaum Kontakt mit der Welt drumherum aufzunehmen. Nur selten ergreift sie die Gelegenheit sich mitzuteilen, meist ausgelöst durch Begeisterung über ein Tier, das sie sieht.

Er ist immer um ihr Wohl besorgt und wenn er wieder einmal ihr Haar richtet oder das übertriebene Make-up richtet oder ihre Kleidung zurechtzupft, entsteht das Gefühl, als würde ein kleiner Junge mit seiner überdimensionalen Puppe spielen.

Was für eine Lebensgeschichte sich dahinter verbergen mag? In welcher Verbindung die beiden zueinander stehen mögen? Ob es Menschen gibt, die durchdringen können zu den beiden? Wie sie es schaffen ihr Auftreten mit so begrenzten Möglichkeiten so gut zu gestalten? Wie sie wohl die Welt sehen? Und wohin ihr Weg sie führen wird, in einigen Jahren, im Alter?

© Lebensliebhaberin 2019-08-13

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