Einsatz für Leben

Monoton legt er seinen Weg über die dunkle Autobahn zurück. Es ist tiefste Nacht, leichter Regen lässt den pechschwarzen Asphalt glänzen, an manchen Stellen ist die Spiegelung der Lichter richtig unangenehm. Er ist es gewohnt, viel und lang zu fahren. Mit den Jahren hat er sich eigenen Rituale gegen Müdigkeit am Steuer geschaffen. Immer wieder Rast machen, wenn es zu viel wird, an einem der vielen Parkplätze schlafen oder sich eine Nacht im Raststättenbett gönnen.

Seit einiger Zeit fällt ihm ein gutes Stück vor ihm ein Auto auf, dass immer wieder ordentlich zum Schlingern kommt. Besorgt kräuselt er seine Stirn, er kennt diese Vorzeichen gut, vor ihm scheint ein Lenker krampfhaft gegen das Einschlafen zu kämpfen. Ein kurzer Blick in den Rückspiegel zeigt, dass die Autobahn hinter ihm leer ist. Wenigstens das, denkt er erleichtert und konzentriert sich wieder auf das hin und her schlingernde Auto.

Schon seit seiner Jungend ist er leidenschaftlicher Feuerwehrmann, so hat er viel Erfahrung mit Gefahrensituationen und erkennt die Besorgnis erregenden Anzeichen schneller als Andere. Während er mit steigender Besorgnis das Geschehen vor ihm beobachtet, geht er die Möglichkeiten durch. Den Notruf wählen, sodass der Lenker schnellstmöglich von der Autobahn geholt wird. Aufholen und durch Hupen den Lenker aufmerksam machen, vielleicht zum Anhalten bringen. Er hat den letzten Gedanken noch nicht ausgedacht, da passiert das Unvermeidliche.

Das Auto wird mit starkem Ruck in Richtung Gegenfahrbahn gelenkt. Er erkennt das verzweifelte Dagegenlenken, das aber keinerlei Wirkung mehr zeigt. Das Auto neigt sich auf eine Seite, sein Gewicht nur noch auf den beiden Rädern der linken Seite vor sich hinschiebend. Mit großer Wucht kracht es gegen die Mittelplanke, aus der daraus entstehenden Drehbewegung heraus überschlägt es sich, wechselt die Richtung und rutscht Funken sprühend die Böschung der eigenen Fahrbahn hinab.

Einen Augenblick später erkennt er mit Schrecken, dass der Unfalllenker lang ausgestreckt über beide Fahrbahnen da liegt. Mechanisch wirft er einen Blick in den Rückspiegel, erleichternd erkennend, dass immer noch keine Lichter hinter ihm zu erkennen sind. Scharf bremsend stellt er sein Auto am Pannenstreifen ab, rennt zum Verletzten, hebt ihn unter den Achseln hoch, schleift ihn aus der Gefahrenzone. Es sind gerade ein paar Atemzüge vergangen, als ein 36Tonner in voller Fahrt an ihnen vorbeizieht. Er spürt den Fahrtwind, als würde jemand über seine Wange streichen, sein Verstand kann das alles nicht fassen, automatisiert setzt er den Notruf ab und beginnt er mit der Erstversorgung.

Lange Zeit später, als er erschöpft in seinem Auto sitzt, die Nacht von den tanzenden Einsatzlichtern erhellt, wird ihm langsam klar, was gerade passiert ist. Wie viel Glück sie beide hatten. Hätte er ein paar Sekunden später reagiert, wäre er etwas langsamer gewesen ... er kann die Gedanken nicht zu Ende denken.

© Lebensliebhaberin