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Es ist die Liebe zur Musik, die trägt

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Es ist die Liebe zur Musik, die trägt | story.one

Ein neuer Tag bricht an. Er wacht jeden Tag zur selben Zeit auf, erinnert sich jeden Tag daran, warum er aufstehen soll, plagt sich jeden Tag mühsam hoch. An der Bettkante sitzend wartet er, bis der leichte Schwindel sich gelegt hat, seine steifen Gelenke bereit sind ihn zu tragen. Er tapst ins Badezimmer, vollzieht pflichtbewusst seine Morgentoilette, zieht sich an, tapst nach unten in die Küche, um sich sein Frühstück zu machen.

Er ist in seinem zweiundsiebzigsten Lebensjahr, sein Körper wird immer steifer, sein Gemüt immer schwerer, das große Haus, in dem er lebt, immer größer. Seit mehr als 40 Jahren lebt er schon alleine, nach dem Scheitern seiner Ehe, dem Verlust von Ehefrau und Kindern, war es ihm nicht mehr gelungen eine neue Lebenspartnerin zu finden. Zuerst aus Gram, danach aus Gewohnheit.

Seit langer Zeit hat er eine Zugehfrau, die sich um den Haushalt kümmert, ihn manchmal bekocht. Irgendwie ist es gelungen, dass sie blieb, obwohl sie eine eigene Familie hat. Sie sind sich sehr vertraut, gehen wie ein altes Ehepaar miteinander um, ohne die respektvolle Grenze zu überschreiten.

Ungelenk hantiert er in der Küche, um eine viertel Stunde später in Ruhe am Tisch zu sitzen und die Tageszeitung zu lesen. Es herrscht stille im Haus, nur das leise Ticken der Küchenuhr ist zu hören. Während er sich durch die Katastrophen der Welt liest, schweifen seine Gedanken ab. War es immer schon so chaotisch auf der Welt, fragt er sich, jedenfalls habe ich mich nie zuvor so fehl am Platz gefühlt, hängt er an. Ein langer Seufzer entflieht ihm, als Antwort auf seine Gedanken, als würde sein Unterbewusstsein sagen, kümmere dich doch um das, was es wert macht jeden Tag aufzustehen, du alter Grantler. Ja, genau, denkt er sich.

Es gibt nur einen Grund, der seinen alten Motor jeden Tag aufs Neue startet, der ihm die täglich wiederkehrende Rückkehr in sein ödes Hamsterrad sinnvoll macht, die Liebe zur Musik.

Er liebt Musik, immer schon, und hatte das große Glück seine Leidenschaft zum Beruf machen zu können. Er war ein begabter Pianist, wenngleich es zur Profikarriere dann doch nicht ganz gereicht hatte. Sein ganzes Arbeitsleben lang unterrichtete er voll Leidenschaft Musik und er kann stolz an das eine oder andere Talent zurückdenken, das er ein Stück am Weg zum Erfolg begleiten durfte.

Nach dem Scheitern seiner Ehe füllte er die leere Zeit mit Privatunterricht auf und das ist es, was er immer noch macht. Nicht wegen des Geldes, sondern weil ihm dadurch jenes Stück zwischenmenschlicher Kontakt geschenkt wird, das er braucht, um in seiner Tristesse nicht unterzugehen. Sieben Tage die Woche voller Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen, von oberster bis unterster Schicht, von hochbegabt bis lernbehindert, und mit nur dem Einen, das ihn mit allen verbindet - die Liebe zur Musik.

© Lebensliebhaberin 2020-02-22

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