Im D-Zug: Das erste Jahr rast vorbei

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Im D-Zug: Das erste Jahr rast vorbei | story.one

Die erste Hauptschulklasse verging wie im Flug. Der lärmende Haufen Schüler fand schnell zueinander. Gegen Weihnachten hatte sich die Klassengemeinschaft in drei Bereiche aufgeteilt, eine Gruppe schlimme Burschen, eine Gruppe aufmüpfige Mädchen, eine Gruppe aus dem Rest, den unauffälligen, schüchternen Burschen und Mädchen.

Sie selbst gehörte eigentlich der schüchternen Front an, jedoch war sie von Beginn an Teil der aufmüpfigen Mädchen, ohne dass sie das vorgehabt hatte. Einerseits weil ihre Schulbanknachbarin Teil dieser Gruppe war, andererseits weil diese dynamischen Mädchen sie einfach mochten, wie sie war, in ihrer schweigsamen Art und doch immer mit dabei. Sie hinterfragte ihre Rolle nicht, nahm sie einfach an. Sie erlebte dadurch das erste Mal in ihrem Leben wie es ist Teil einer Gruppe zu sein, was Zusammenhalt und Zugehörigkeit bedeutet. Dass sie immer auch eine Strafe einkassierte, obwohl sie selbst nie was verbotenes tat, sondern einfach immer nur mit dabei war, war die andere Seite dieser Erfahrung. Zusammenhalt hieß dicht halten und das konnte sie immer schon ausgezeichnet.

Sie ging gerne in die Schule, dümpelte leistungsmäßig im Mittelfeld vor sich hin, ohne je etwas aktiv dafür getan zu haben. Im Unterricht war sie interessiert dabei, obwohl es ihr schwer fiel Wortmeldungen zu geben, weil sie sich sehr dafür genierte im Vordergrund zu stehen. Sie machte immer die Aufgaben, doch darüber hinaus tat sie nichts für ihre schulische Leistung. Demgemäß konnte sie für Leistungsüberprüfungen immer nur auf das zurückgreifen, was ihr vom Unterricht noch im Gedächtnis war. Es war niemand da, der ihre Hausübungen inhaltlich überprüfte, der ihr beibrachte, wie man lernt, dafür gab es in ihrer Familie kein Bewusstsein, da das Leben ganz andere Herausforderungen stellte. Dieses Lernmanko sollte ihr das ganze Leben lang Schwierigkeiten machen am Weg nach oben.

Kurz vor Ostern entdeckte sie am Heimweg, dass das Schuhgeschäft an der Bushaltestelle eine große Holzkiste mit vielen kleinen gelben Küken ausgestellt hatte. Die gelben Knäuel drängten sich unter der großen Wärmelampe eng zusammen. Man durfte sie nur anschaun, aber nicht angreifen, so stand sie jeden Tag mit leuchtenden Augen vor dem Schaufenster, bis der Bus kam. Nach Ostern waren die Küken wieder verschwunden.

Das Schuljahr näherte sich großen Schrittes dem Zeugnistag. Das Zwischenzeugnis im Februar war in Ordnung, das Endzeugnis der 1. Klasse lies nichts schlechteres erwarten. Viele Dreier, ein paar Vierer, zu Hause war man zufrieden und ihr selbst war es egal. Sie war nie wirklich gut in irgendeinem Fach, hatte immer nur genug Wissen, um im Mittelfeld zu bleiben. Nur ab und an passierte ihr ein echter Schnitzer, jedes Mal war das Unterschreiben der Fünf von einer Schimpftirade ihrer Mutter begleitet, das war es dann aber auch schon. Der Weg zur 2D war sicher geebnet, doch davor stand erst einmal die ewig lange Sommerferienzeit vor der Tür.

© Lebensliebhaberin 29.08.2019