Im D-Zug: Kleine Wölfe im Schafspelz

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Im D-Zug: Kleine Wölfe im Schafspelz | story.one

Die 3D rumpelte in gewohnter Manier in Richtung Schulende. Es standen noch einige Prüfungen an, deren Vorbereitungen nach den Standpauken zum Semesterzeugnis zumindest von einigen Eltern mit Argusaugen bewacht wurden. Doch das tat der dynamischen Klassenstimmung nicht viel an. Die schlimmen Burschen und aufmüpfigen Mädchen waren zu kleinen Wölfen geworden, die zielsicher die Schwachstellen mancher Profs witterten und ordentlich darin herum bohrten.

Die Englisch-Prof war eine kleine, dicke Frau, deren Gemüt so weich war wie ihre äußerliche Erscheinung. Ihre Strategie war, jede Stunde mit einem Sack voll Süßigkeiten zu erscheinen, um die Meute von Beginn an zu besänftigen. Doch in letzter Zeit ging es der Englisch-Prof unübersehbar schlecht. Sie war über das gewohnte Ausmaß zittrig und unsicher, immer öfter beendete sie den Unterricht mit tränennassen Augen. Ein gefundenes Fressen für die kleinen Wölfe, die diese Situation unbarmherzig ausnutzten und so die geplagte Frau zusätzlich ins Aus drängten. Eines Tages dann brach die Englisch-Prof während des Unterrichts in Tränen aus, sie verließ fluchtartig die Klasse. Die Stunde wurde vom Direktor persönlich zu Ende gebracht, wobei die kleinen Wölfe wieder in ihren Schafspelz schlüpften, als könnten sie kein Wässerchen trüben.

Zeitgleich legte auch die Reli-Prof sehr eigenartige Verhaltensweisen an den Tag. Ihr immer gut gelauntes, sonniges Gemüt schien in letzter Zeit auf schiefe Art ein Level zu erreichen, dass sogar die kleinen Wölfe vor Neid erblassten. Dann die unübersehbare Erkenntnis, dass die Reli-Prof alkoholisiert in den Unterricht kam, man konnte es riechen, ein leicht scharfer Geruch umgab sie die letzte Zeit immer. Dann die Stunde, in der die Klassendynamik aus überdrehter Reli-Prof und überdrehten kleinen Wölfen eine Lautstärke erreichte, dass der Direktor mit Karacho in die Klasse polterte. Alle Anwesenden bekamen einen ordentlichen Rüffel, die kleinen Wölfe verzogen sich sofort in die Scheinheiligkeit des Schafspelz, die Reli-Prof versuchte Haltung anzunehmen, im Bewusstsein, dass es ein Nachspiel haben würde.

Und da waren die Lehramtsstudenten, die voller Engagement in die Klasse kamen und diese meist ziemlich zerstört wieder verließen. Die kleinen Wölfe witterten bei den Lehranfängern zielsicher alle Schwachstellen, kosteten es aus darin herumzustochern. Die Junglehrer schwitzten Blut und Wasser, keine Strategie schien aufzugehen. In der hintersten Reihe der Klasse saß immer der Klassenlehrer, der die Junglehrer begleiten und beurteilen musste und der nur dann eingriff, wenn die Stimmung ins unbändig Chaotische abzudriften drohte. Da reichte ein klares Wort, um die kleinen Wölfe in ihre Schafspelze zu verweisen und den Junglehrern die Chance zu geben zumindest ein Stück der Unterrichtszeit das Gefühl zu haben etwas zu bewirken.

Kleinen Wölfe im Schafspelz, die neue Herausforderung für die Großen.

© Lebensliebhaberin 19.10.2019