Kirtag is

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Kirtag is | story.one

Zünftige Madln und Buam bevölkern die Stadt in ihren schneidigen Trachten, von ganz traditionell bis ultramodern. Die Madln zeigen ordentlich Dekolltè, die Buam präsentieren ihre bestutzten Wadln, eine ganz eigene Stimmung liegt über der Altstadt.

Die alljährliche Herbstdult hat begonnen, besser als Rupertikirtag bekannt. Die nächsten 5 Tage steht der Bereich um den Salzburger Dom unter dem Motto "Brauchtum leben". Jeder der Plätze um den erhabenen Dom ist von alten Fahrgeschäften, Brauchtumsstandln und dem unverzichtbaren Kirtagszelt besetzt, wobei sich die Platzwahl und auch die Ausstattung selbst seit Jahrzehnten nicht geändert hat. Die alten Fahrgeschäfte präsentieren sich im unverändert nostalgischem Gewandt, die Brauchtumsstandln erinnern an altes, oft fast vergessenes Handwerk, das im Verborgenen immer noch gelebt wird, im großen Kirtagszelt wird zünftige Hausmannskost und noch zünftigere Brauchtumsmusik serviert. Es wurrlt an allen Ecken und Enden, man trifft sich, ob man will oder nicht, denn fast jeden Salzburger zieht es zumindest auf ein kurzes Stelldichein hin.

Eines der besonderen Attraktionen ist das Kettenkarussell, das in seiner einfachen, traditionellen Art, ohne Schnickschnack, ohne puschende Technomusik, ohne irres Aufgemotztsein, die Menschen immer noch zu glucksenden Freudenschreien verlockt. Da sitzen die Madln in ihren weit schwingenden Röcken im an Ketten hängenden Korb und werden von den Buam, die im Korb dahinter sitzen, in weitem Bogen herumgeschossen, ein ganz eigenwilliges, aber immer noch wirkungsvolles Balzverhalten, das man erst versteht, wenn man es erlebt hat. Am Ende steigen dann alle mit Drehschwindel im Kopf aus den Körben und spätestens da kommt es oft zum ersehnten Erstkontakt, wenn der Schwindel die Madln und die Buam sich gegenseitig in die Arme treibt.

Das wohl beliebtestes Fahrgeschäft ist aber das Autodrom, indem nach demselben Prinzip gebalzt wird. Die Buam sind hinter den Madln her, die übermütig quietschend versuchen zu fliehen, was angesichts der schleichenden Elektrofahrzeuge ein witziger Anblick ist.

Der heurige Kirtag steht wettermäßig unter einem guten Stern, ist doch über alle 5 Tage bestes Spätsommerwetter angesagt. Damit ist bester Umsatz und größte Gaudi garantiert, was den extremen Aufwand der Betreiber belohnt.

Es stehen also laute, dicht gedrängte Tage an, denen ich nur allzu gerne entfliehe. Da ich in der Altstadt arbeite, erlebe ich täglich die schönen, aber auch belastenden Seiten des Altstadttreibens. Für die Wirtschaft ausgezeichnet, nervt mich der extreme Touristenstrom, der sich träge durch alle Straßen und Gassen der Stadt wälzt. Der fünftägige Kirtagstrubel setzt dem Ganzen jetzt noch die Krone auf.

Doch ganz in der Früh, wenn die Stadt noch schläft, wenn die Umgebung noch vom dicken Bodennebel eingehüllt ist, dann spaziere ich mit Massimo durch mein geliebtes Salzburg, der schönsten Stadt der Welt.

© Lebensliebhaberin 21.09.2019