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Liebe auf den ersten Kuss

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Liebe auf den ersten Kuss | story.one

Oktoberabend in Rom. Sie ist mit einer Freundin am Rückweg nach Österreich. Der Anschlusszug fährt erst in 5 Stunden, sie verbringen die Zeit in einem winzigen Lokal, das sie von früher kennen. Es ist nicht viel los, ein paar Touristen sitzen schweigend vor ihren Gläsern, der italienische Barmann poliert gelangweilt Gläser, immer wieder prüfende Blicke durch das Lokal wandern lassend. Die Glaswände geben ungehindert einen Blick durch den kleinen Raum frei.

Sie kommen von Ischia, wo sie und einige wenige Pensionisten in der Nebensaison eine Woche Urlaub verbrachten. Beide mittellos, nahmen sie dieses günstige Urlaubsangebot an und den extremen Reisezeitaufwand dafür in Kauf.

Die Zugfahrt von Neapel nach Rom war in Ordnung, aber anstrengend. Der Anschluss nach Österreich nagelt sie nun für ein paar Stunden in Rom fest. Sie sind zu müde, um die Stadt unsicher zu machen, weshalb sie die paar Stunden gemütlich hier absitzen.

Während sie sich unterhalten, sieht ein blonder junger Mann immer wieder durch die Spiegelwand zu ihnen herüber. Er war ihr bereits beim Betreten des Lokals aufgefallen, er hat etwas ansprechendes, was ihre Freundin überhaupt nicht nachvollziehen kann. Plötzlich fällt der Strom aus, das gesamte Lokal ist in Finsternis getaucht, aufgeregtes Gemurmel erfüllte die Dunkelheit und gerade, als nervöse Geschäftigkeit aufkommen will, geht das Licht wieder an.

Der junge Mann kommt zielstrebig auf sie zu. Er ist Australier, am Weg von einer Europareise nach Hause. Er ist etwas angetrunken, was ihn dazu ermutigt sie unaufhaltsam in ein Gespräch zu verwickeln. Nach wenigen Sätzen ist es so, als würden sie sich schon ewig kennen. Ihre Freundin rümpft angesichts der Tatsache, dass er sie völlig aussen vor lässt genervt die Nase. Als es Zeit ist zum Bahnhof aufzubrechen, bittet er sie begleiten zu dürfen. Er spricht starken Akzent, sie kramt ihr bestes Schulenglisch aus der hintersten Schublade ihres Hirns, sie verstehen sich blenden, was die Sprache nicht hergibt, bedeutet ihnen die Intuition.

Am Bahnhof angekommen verabschieden sie sich wie langjährige Freunde. Sie tauschen ihre Adressen aus, versprechen sich zu schreiben. Da ist eine Vertrautheit, wie sie es noch nie einem Fremden gegenüber erlebt hat. Good bye, sagt sie, als sie sich wegdreht, hält er ganz sanft ihren Arm. Sie sehen sich an und sie küssen sich, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt.

Danach geht sie ihrer völlig genervten Freundin entgegen, die bereits vor dem Wagon auf sie wartet. Sie dreht sich nicht um, ist völlig gefangen von dieser aussergewöhnlichen, wunderschönen Erfahren. Sie spürt Liebe, verwirrt und überfahren vor Glück lässt sie die sich überschlagenden Gedanken in ihr einfach zu.

Sie werden sich schreiben, sie wird ihn Jahre später in Australien besuchen und um Haaresbreite erfüllt sich ihre Liebesgeschichte dann doch nicht. Ihre Freundschaft besteht bis heute, wenngleich der Kontakt selten geworden ist.

© Lebensliebhaberin 2019-07-14

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