Mädchenheim: Anpassung ans fremde Leben

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Mädchenheim: Anpassung ans fremde Leben | story.one

Das Mädchenheim war in einem gewaltigen alten Gebäude, das aus mehreren Trakten bestand, untergebracht. Der Kollos, der an ein Schloss erinnerte, war auf einem riesigen Grundstück gebaut, zu dem ein sehr großer Park und sogar ein kleiner Teich gehörte. Das Ganze war von einer hohen, unüberwindbaren Steinmauer eingefasst, der einzige Zugang zu dieser Anlage war durch ein schweres Eisentor geschützt.

Im Inneren gab es drei Stockwerke, jedes davon in sehr große Räume aufgeteilt. Jede Mädchengruppe hatte einen Schlafsaal, zu beiden Seiten waren die Betten aufgestellt. Neben jeden Bett stand ein schmaler Eisenkasten, indem die wenige Wäsche ordentlich verstaut war. Es gab nur Einheitskleidung, alle trugen dasselbe. In den großen Waschsälen waren Waschbecken, Duschen und Toiletten untergebracht, deren Benutzung durch einen genauen Zeitplan eingeteilt. Der Speisesaal bot Platz für alle Mädchen, die Sitzordnung war genau geregelt.

Der Unterricht fand in einem Trakt am anderen Ende des riesigen Gebäudes statt. Die Klassenräume bestanden aus Holzpulten für die Schülerinnen, einem Holztisch und einer großen Schiefertafel für die Lehrerinnen. An den Wänden hingen große Kreuze mit dem geschundenen Jesus.

An erster Stelle stand Beten, gefolgt von unbedingtem Gehorsam. Vor jedem Essen, vor Beginn und am Ende des Unterrichts, vor dem Schlafengehen wurde gebetet. Unermüdlich wurde auf das sündige Leben jener Mädchen hingewiesen, die sich nicht anpassen wollten.

Sie war lange Zeit sehr traurig, traute sich das aber nicht offen zeigen. Sie hatte beobachtet, wie mit Mädchen umgegangen wurde, die ihre Traurigkeit nicht in den Griff bekamen. Zuerst gab es Strafarbeiten oder Einzelunterbringung, nützte dies nichts, wurde mit Medikamenten nachgeholfen, die aus den Mädchen eigenartig emotionslose Wesen machte. Sie lernte schnell, wie wichtig es war sich anzupassen an das fremde Leben, ohne Zögern zu tun, was verlangt wird.

Wenn sie nachts in ihrem Bett lag, dachte sie an ihre Familie und da kam Angst in ihr auf, dass sie ihre Mutter vergessen könnte. Sie verstand immer noch nicht, was eigentlich passiert war. Ihr Leben war in Ordnung, sie ging gerne in die Schule und freute sich jeden Tag auf daheim. Und dann dieser Tag, an dem sie ohne Vorwarnung nicht mehr nach Hause zurückkehren durfte, ohne Abschied von der Mutter, von der Familie.

Sie war nun schon 3 Monate hier, ihre Mutter war immer noch nicht zu Besuch gekommen. Die geistlichen Fürsorgerinnen sagten, es läge ganz am Verhalten von ihnen allen, wann die nächste Besuchszeit genehmigt würde. Etwas ältere Mädchen aber hatten erzählt, dass die Mütter nur alle paar Monate kommen durften, damit die ordentliche Erziehung nicht gestört werde. Die Fürsorgerinnen seien der Meinung, dass für den Erfolg der Umerziehung eine Entwöhnung von der Familie notwendig war.

Wie so oft, bahnte sich eine Träne den Weg über ihre Wange, während sie in einen traumlosen Schlaf sank.

© Lebensliebhaberin