Mädchenheim: Aus der Familie gerissen

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Mädchenheim: Aus der Familie gerissen | story.one

Am Ende der Unterrichtsstunde wurde sie von der Frau Lehrerin zu sich gerufen. Schüchtern stand sie da, sah zuerst Frau Lehrerin, dann die andere fremde Frau an und wartete, während die beiden Frauen sich unterhielten. Dann sah die fremde Frau sie an und sagte, du kommst jetzt mit, ab heute wohnst du in einem Heim für Mädchen, deine Mutter weiß schon Bescheid und wird dich bald besuchen kommen. Tränen füllten ihre Augen und noch bevor die erste Träne ihre Wange hinunterkullerte, fuhr die fremde Frau sie an sich zusammenzureißen. Erschrocken starrte sie die fremde Frau an, ein angstbesetzter Schauer durchfuhr ihren kleinen Körper. Dann gehen wir mal, sagte die fremde Frau, die sie unsanft an der Schulter packte und in Richtung Ausgang schob. Sie drehte sich noch einmal um, sah hilfesuchend zu Frau Lehrerin hin, doch die hatte sich schon weggedreht.

Am Weg zum Mädchenheim erklärte ihr die fremde Frau, dass sie ab jetzt im Mädchenheim leben wird. Dort werde sie auch unterrichtet und wenn sie alt genug sei, dann werde sie dort auch in Hauswirtschaft unterwiesen, damit aus ihr einmal was wird. Es sei ganz wichtig, dass sie immer brav und folgsam sei, weil nur dann dürfe ihre Mutter auch regelmäßig an den Wochenenden zu Besuch kommen. Sie hörte die fremde Frau sprechen, verstand mit ihren gerade einmal 9 Jahren was diese meinte, aber nicht den Grund dafür, dass sie so ohne Vorwarnung aus ihrer Familie gerissen wurde.

Aber warum, fragte sie die fremde Frau, ich will zu meiner Mutter heim, bat sie mit erstickter Stimme. Die fremde Frau sah sie kurz mit verächtlichem Blick an und sagte dann mit eisiger Stimme, dass ihre Mutter es nicht schaffe die vielen Kinder ordentlich zu erziehen und dass man zum Wohle von ihnen allen einschreiten müsse. Sie verstand das nicht. Es stimmte, dass sie arm waren, aber es ging ihnen gut.

Sie wusste, dass einer ihrer Brüder in ein Behindertenheim in Wien gesteckt wurde, weil er als Baby Kinderlähmung und daher Probleme mit dem Gehen hatte. Sie wusste auch von einer älteren Schwester, die ebenfalls in ein Mädchenheim gesteckt wurde und die sie nie kennengelernt hatte. Sie erinnerte sich daran, dass ihre Mutter immer wieder geweint hatte, im Geheimen, niemand sollte es sehen, doch sie kriegte es mit. Ihre Mutter verbarg ihre Trauer darüber, dass ihr die Kinder einfach so weggenommen wurden, hinter Schweigen.

Als sie im Mädchenheim angekommen waren, wurde sie einer Gruppe gleichaltriger Mädchen zugeordnet. Alle Mädchen waren schüchtern, verängstigt und sehr traurig, aber keines traute sich zu weinen. Denn der Preis für Unartigkeit war ein Besuchsverbot der Mutter, etwas, das keines der kleinen Mädchen riskieren wollte.

Und doch würde es in den nächsten Jahren immer wieder zu drakonischen Strafen kommen, die jegliche Anlassfälle entbehrten, sondern ausschließlich der unvorstellbaren Gemeinheit der Fürsorgerinnen, alles geistliche Schwestern, entsprangen.

© Lebensliebhaberin 21.09.2019