Menschen außerhalb der Norm

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Menschen außerhalb der Norm | story.one

Unsere Blicke begegnen sich und obwohl wir noch zu viele Schritte von einander entfernt sind, als dass meine mittlerweile schlechten Augen seine Mimik scharf erfassen könnten, weiß ich, dass er mich in jener Art ansieht, wie es nur Menschen außerhalb der Norm tun. Seit jeher habe ich zu Menschen, die sich von der Masse abheben, ohne das bewusst zu wollen, einen ganz eigenen Zugang, der sich von selbst ergibt.

Sein Blick ist offen, will Kontakt herstellen, aber auch etwas ängstlich, davor, abgewiesen zu werden. Als ich an dem Fremden vorbei gehe, der gerade dabei ist, seinen Müll zu entsorgen, grüße ich aufmerksam und freundlich. Gleichzeitig erhöhe ich mein Schritttempo, da ich keine Lust auf ein Geplauder habe.

Schon seit einigen Wochen ziehe ich mich von der Welt zurück, wann immer es geht, aus einem inneren Bedürfnis heraus. Den Menschen der Normwelt fällt das nicht weiter auf, beide Seiten, sie und ich, sind einfach nur froh nicht über Gebühr miteinander zu tun zu haben. Es sind Begegnungen wie mit diesem Fremden, die mich dazu ermahnen wieder einzusteigen in die Welt, der ich manchmal entfliehe und die trotz allem wichtig für mich ist.

Ich erhöhe also mein Schritttempo, könnte den Fremden damit locker abhängen, wäre da nicht Massimo, mein tierischer Seelenfreund, der mir wieder einmal mit seiner stoischen Ruhe einen Strich durch die Rechnung macht. Ganz folgsamer Hund, gibt es kaum Probleme mit ihm, doch da ist ein schwer erklärbarer eigener Wille, der ihm innewohnt und immer dann auf stur schaltet, wenn es mir gerade gar nicht passt. Massimo denkt also gar nicht daran meinen Fluchtreflex zu unterstützen, sondern schnuppert gelassen weiter jedes einzelne Blatt des Busches ab, der den schmalen Weg durch das Siedlungsareal säumt.

Der Fremde hat aufgeholt, lächelt mich an und beginnt über Massimo zu reden. Ich steige darauf ein, ist mir doch klar, dass hier das Leben Regie führt und es keinen Sinn macht dagegen zu agieren. So spazieren wir gemeinsam, mit einem plötzlich wieder schön vorwärts schreitenden Massimo, den Weg entlang und das Geplauder gibt mir Gelegenheit bewusst wahrzunehmen, mit wem ich mich da unterhalte. Ein Mann, der Make-up trägt, das unaufdringlich, aber merklich mit noch wenig Routine aufgetragen ist und bereits einen Hauch Weiblichkeit vermittelt. Unterstrichen durch feines, immer noch blondes Haar, das schütter, aber bewusst drapiert auf seinem Kopf liegt. Und da sind zwei Brüste, die sich unmissverständlich weiblich durch die graue Strickjacke drücken und die er in seiner geraden Haltung stolz vor sich herträgt.

Es dauert ein paar Momente, bis ich diese kleinen Details zusammengefügt habe und bewusst wahrnehme, welche Art Mensch da neben mir spaziert und freundlich vor sich hinplappert, als wären wir gute Bekannte. Am Ende des Weges verabschieden wir uns herzlich, beide um eine gute Begegnung reicher, die mir bewusst macht, dass es wieder einmal höchste Zeit ist zurückzukehren in die Welt.

© Lebensliebhaberin 24.11.2019