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Mit den Augen eines Kindes

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Mit den Augen eines Kindes | story.one

Ein kleiner Ort im Weinviertel. Die Umgebung ist weitläufig, nur die Hauptstraße, an der das verschlafene Dorf liegt, schläft nie. Viel Durchzugsverkehr rumpelt tagein tagaus vorbei. Es braucht schon viel Erfahrung, um die Straße heil zu überqueren, alleine darf sie es, mit ihren gerade einmal fünf Jahren, noch nicht.

Sie wohnt mit ihren Eltern auf der anderen Seite der Hauptstraße, nahe dem Bahnhof, an einer kleine Allee. Hier ist wenig los, nur selten begegnetet sie Fremden, die Anderen sind kaum zu sehen.

Ihre Großeltern wohnen im Dorf, das noch teilweise von einer alten Schlossmauer umgeben ist. Noch vor dem Dorfplatz liegt ihr Haus, an einem kleinen Stück Schlossmauer angebaut.

Gleich gegenüber das Haus des Schmieds, der regelmäßig prächtige Arbeitspferde zum Beschlagen da hat. Und immer, wenn er mit der Arbeit fertig ist, darf der Haufen Kinder, der sich jedes Mal wie bestellt aufstellt und staunt, Platz nehmen drauf. Da sitzen dann vier, manchmal sogar fünf Kindlein, stolz und aufgeregt, auf dem langen, breiten Rücken des mächtigen Tiers und strahlen um die Wette Glücklichsein aus.

Im hinteren Teil des Hauses hat der Schmied Kühe und manchmal darf sie einen Blick hineinwerfen. Dann beobachtet sie die Bäuerin bei ihrer schweren Arbeit und achtet darauf, nicht im Weg zu stehen. Einmal, als des Schmieds Frau die vollen Milchkübel in die Milchkammer trug, wurde sie gefragt, ob sie mal kuhwarme Milch kosten wolle. Ja, sagte sie, nahm mit leuchtenden Augen den Becher mit noch warmer Milch in die Hände und trank einen großen Schluck. Um ihn gleich darauf wieder auszuspucken. Pfuiteufl, is des grauslig, brach es aus ihr heraus, worauf die Bäuerin herzlich lachen musste. Sie lachte selten, des Schmieds Frau.

Der Dorfplatz ist das Zentrum des Orts. Umgeben vom Wirtshaus, dem Rathaus, dem Metzger, dem Bäcker und natürlich der Kirche ist alles in greifbarer Nähe. Es herrscht wenig Verkehr, Autos sind rar. Täglich kommt der Postbus, der einen in die weite Welt mitnimmt und wieder zurückbringt. Wöchentlich kommt der Eiermann, der ab und an auch wuselnde gelbe Küken in einem großen Karton dabei hat. Am Schlachttag steht oft der Hoftrak mit den Schlachtabfällen in der riesigen Schaufel bei der Metzgerei. Da liegen Ohren und Rüssel und Klauen und Kiefer und sonstiges Zeugs in einer blutigen Masse drin, die unweigerlich ihren Blick auf sich ziehen, ob sie will oder nicht.

Ihr Opa ist Jäger und immer viele Stunden durch das weite Land unterwegs. Er muss nach dem rechten sehen und manchmal darf sie ihn dabei begleiten. Er spricht nicht viel, erklärt ihr aber immer alles, was er zu tun hat. Wenn Jagdzeit ist, darf sie nicht mit. Dafür darf sie das erlegte Wild, das kopfüber zum Ausbluten aufgehängt ist, mit ihm anschauen gehen und lernt, warum die Tiere sterben mussten und was nun damit passiert.

Sie ist viel alleine, oft draußen in der Natur, die sie schweigend, immer wieder staunend, in sich aufnimmt mit ihren großen Kinderaugen.

© Lebensliebhaberin 2019-07-23

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