Stumm sein, tot stellen, ertragen

Stumm stand sie da, in einer fremden Wohnung, vor fremden Erwachsenen. Das sind Deine Pflegeeltern, sag Mama und Papa zu ihnen, wie alle anderen auch, wies man sie an. Sie stand nur stumm da, verstand nichts, fragte nichts. In ihren gerade einmal 9 Lebensjahren hatte sie Vieles erlebt, das sie nicht verstehen konnte, doch hatte es sie gelehrt, zu überleben. Stumm sein, tot stellen, ertragen, wen es hart kommt.

So lebte sie von einem Tag auf den anderen mit einer Schar fremder Kinder in einer fremden Wohnung mit einer fremden Mama und einem fremden Papa. Gehorsam, unerbittlich und prompt, war die einzige Regel, deren Missachtung körperliche Züchtigung brutalster Art mit sich brachte.

Jedes Kind hatte täglich Hausarbeiten zu verrichten, die schnell und penibel erledigt werden mussten. Papa, ein schweigsamer Mann, der die Härte der Kriegsjahre unübersehbar in sich trug, war Chef der Küche. Das Abwaschen war eine Tortur, das Wasser so heiss, dass man sich die Hände verbrannte, doch man musste, wollte man Prügel vermeiden. Das Essen musste kommentarlos aufgegessen werden und wer nicht wollte, saß den ganzen Tag vor dem Teller und ging abends hungrig ins Bett.

Alle anderen Kinder wurden Freitag Mittag von ihren Eltern abgeholt und Sonntag Nachmittag wieder gebracht. Sie blieb immer dort, nie kam jemand, um sie zu holen oder auch nur zu besuchen. Sie fragte sich nie warum, stumm sein, tot stellen, ertragen, wenn es hart kommt, das war das Einzige, das sie kannte.

Die Wochenenden waren meist gut, sie verbrachte die Zeit alleine in jenem Zimmer, in dem normalerweise die ganze Schar lebte und schlief. Sie war kaum zu bemerken, erledigte alle Aufgaben rasch und penibel, lebte tief in ihrem Inneren, im Schutz ihres Körpers, den sie nur als Panzer, nicht als Teil ihres Selbst wahrnahm.

Eines Tages passierte es dann, sie ging an einem Blumenstock vorbei, der sich vom Fensterbrett löste und krachend auf den Boden fiel. Für diese Provokation schlug sie Papa mit einem kleinen Besen so lange, bis der kurze Stil abbrach. Zuerst lösten sich noch Schreie voll Schmerz und Angst, doch schnell verstummte sie, ertrug, was da so hart über sie kam. Sie verkroch sich danach noch mehr in ihr Inneres und nahm weder das Leben draußen noch ihr eigenes Sein war.

Nach schier unendlicher Zeit, für sie ein ganzes Leben, wurde sie plötzlich von ihrer Mutter abgeholt. Ihre Mutter sei im Krankenhaus gewesen, habe nach 8 Monaten Bettruhe ihren Bruder zur Welt gebracht. Und jetzt, nach über einem Jahr, dürfe sie wieder mit nach Hause.

Sie stand stumm da, sah ihrer Mutter in die Augen, wartete, darauf wahrgenommen zu werden, erkannt zu werden, erlöst zu werden, doch nichts geschah. Ihre Mutter erkannte nichts von all dem, das sie durchleben musste. So ging sie also mit nach Hause, wo ihr kleiner Bruder, das Sonnenkind, friedlich schlummerte, und wo sich ihr totes Leben weiterspinnen sollte. Wenn auch ohne jene Brutalität, die sie fast an ihrem jungen Leben zerbrechen ließ.

© Lebensliebhaberin