Vom Leben und von den Umständen

Es gibt das Leben und es gibt die Umstände.

Ich kann nicht raus aus dem, was ich mir 30 Jahre lang aufgebaut habe, in das ich all meine Energie, mein Geld und meine Träume investiert habe, sagt er mit angsterfülltem Blick. Sie sieht in traurig, aber voller Verständnis an und sagt, dass sie nicht hineinsteigen kann in seinen Käfig, weil es ihr die Liebe zum Leben nehmen würde.

Es gibt Gründe und es gibt Wege.

Du willst es nicht verstehen, wirft er ihr traurigen Herzens vor, dass ich dich liebe, aber nicht frei bin zu tun, was ich will. Ich gebe dir alles, was ich kann, doch mein Leben kann ich nicht aufgeben. Nur etwas mehr Zeit, sagt sie sanft, etwas mehr Zeit, egal wann, egal wie oft, mehr als 35 Minuten pro Woche, um bei uns anzukommen, um uns kennenzulernen, mehr verlange ich nicht.

Es gibt die Liebe und es gibt das Davonrennen.

Glaub mir, meine Ehe ist schon seit langem ein geschwisterliches Nebeneinander, der Geschlechtsakt seit Jahren nicht mehr vollzogen, das Gespräch auf das Wichtigste reduziert. Der Schein muss gewahrt werden, die gesellschaftlichen Verpflichtungen erwarten es, doch da ist sonst nichts mehr, versichert er ihr und küsst sie sanft auf die Stirn. Wie kann man so leben, fragt sie nachdenklich und schmiegt sich innig an ihn.

Es gibt das Aushalten und den unwiderstehlichen Drang nach Leben.

Ich will so nicht mehr, schreibt sie ihm, fühle mich eingesperrt, auf Abruf abgestellt. Ich spüre keine Leichtigkeit mehr, mein Herz summt nicht mehr, meine Augen leuchten nicht mehr, dieses reine Existieren nimmt mir den Lebensatem.

Es gibt das Schweigen und es gibt die Stille.

Noch eine kurze Liebesbeschwörung von ihm, per Nachricht, und dass er sie für ihr Verständnis sehr liebe. Danach Schweigen, dröhnendes, luftraubendes Schweigen. Er hat keine Worte, weiß sich keinen Rat, als dort weiterzumachen, wo er aufgehört hatte, bevor er sie traf und ein ganz klein wenig, 8 kurze Wochen lang von seinem tristen Leben davonrannte.

Sie geht in die Stille, erduldet das Jammern ihrer Seele, die ihr das Herz zerreisst. Mit jedem Tag überwindet sie ihn ein Stück weit mehr und ist froh, die Freiheit des Lebens und nicht den Käfig der Umstände gewählt zu haben.

Nichts ist umsonst, sondern alles Erfahrung.

Dieses Abenteuer hat beide reich beschenkt. Die unerwartete Liebe ließ ihre vertrockneten Herzen zum Leben erwachen, beide fühlten und sahen die Welt wie schon lange nicht mehr. Leben ohne Umstände, sie ist nun wieder darin Zuhause und er träumt weiter davon, irgendwann aus seinem Käfig zu steigen.

© Lebensliebhaberin