Von trauriger Gestalt

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Von trauriger Gestalt | story.one

Kraftlos und verwelkt steht er da, blasse Farblosigkeit und krummes Aufrechthalten prägen seine Erscheinung. Er sieht aus, als hätte er schon seit Monaten, tot in einem Eck gelehnt, auf seinen Einsatz gewartet und dabei jegliches Anzeichen an frühere Pracht verloren.

Der Weihnachtsbaum des Christkindlmarkts ist von jeher der Mittelpunkt des winterlichen Treibens im Herzen der Altstadt. Die Plätze um den ehrwürdigen Dom sind von dunkelgrünen Buden eingefasst, in denen handwerkliches und kulinarisches Zeugs von hoher Qualität feilgeboten wird. Jede der kleinen Buden ist mit Lichtern und weihnachtlichem Glitter aufgehübscht und bildet für sich eine kleine Einheit. So betritt man mit jeder Bude, der man sich widmen, eine neue kleine Welt, die verzaubert, animiert und ohne aufdringlichem Kaufzwang in den Bann zieht.

Es tut wohl, keine der oft üblichen Ramschhütten vorzufinden, wenngleich sich die Anzahl der kulinarischen Buden in den letzten Jahren stark vermehrt hat. Das starke Vordringen der gastwirtschaftlichen Buden polarisiert immer noch, ohne wirklich zu einem Ergebnis zu führen. Einerseits bräuchte es wirklich nicht so viele Fressstände, wie Kritiker es nennen. Andererseits punkten die Wirtsbuden mit sehr hoher Qualität an kulinarischer Vielfalt, wie es in vielen Gastwirtschaften nicht geboten wird, was Befürworter nicht zu unrecht als Qualitätsmerkmal einwerfen.

Die Geschmäcker sind verschieden und der Christkindlmarkt versteht es seit vielen Jahren ein großes Spektrum an Besuchern zufriedenzustellen. Dass dabei sehr großen Wert auf Tradition gelegt und diese auch gelebt wird, ist ein weiteres Qualitätsmerkmal dieses winterlichen Markts. So sind die vielen unterschiedlichen Chöre, die vor dem Portal des Doms Aufstellung beziehen und mit Hilfe durchdachter Lautsprecherunterstützung den Christkindlmarkt musikalisch in bunte Vielfalt taucht, ein wichtiger, wenn auch oft nur nebenbei wahrgenommener Teil des Treibens.

Das Herzstück des Ganzen ist und bleibt jedoch der schöne Weihnachtsbaum, der, obwohl sein Leben bereits ausgehaucht, immer noch kraftvoll und stolz dasteht, in ein buntes Kleid aus weihnachtlichem Firlefanz gekleidet und doch nicht aufdringlich erscheinend.

Doch heuer ist etwas passiert, das niemand erklären kann, da die Hektik der modernen Zeit, die alle gnadenlos vor sich hertreibt, wenig Zeit dafür lässt. Heuer steht da eine traurige Gestalt, deren Baumstamm bereits einen Großteil der vertrockneten Rinde verloren hat, deren Äste verdorrt und kraftlos, teilweise abgebrochen herabhängen, deren Nadelkleid grau und verschrumpelt bei jedem Luftzug herabrieselt und kahle Stellen hinterlässt.

So steht er da, als traurige Gestalt in überbordend weihnachtlichem Gewand, das ablenken soll von seiner Trostlosigkeit. Unterstützt durch eine Zeit, in der kaum mehr wirklich hingesehen, dafür alles auf Foto gebannt, ohne als Erinnerung abgespeichert, wird.

© Lebensliebhaberin 24.11.2019