Was schlussendlich zählt

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Was schlussendlich zählt | story.one

Still steht sie da, am Türrahmen gelehnt, an einem Glas Rotwein nippend. Ihr Blick ruht auf ihrem Mann, der gedankenversunken seit einer guten Stunde auf dieselbe Buchseite blickt. Es ist also wieder soweit, eine neue Affäre ergänzt ihr eheliches Dasein. Ein Stich durchfährt ihr Herz, mit einem großen Schluck Wein spült sie ihn fort.

Er war immer schon sehr liebesbedürftig, doch gleichermaßen entzog er sich auch immer wieder durch langes schweigen. Nach der Geburt der Kinder schaffte sie es irgendwann nicht mehr, ihm dieselbe Aufmerksamkeit zu schenken, zu sehr hatte sie mit der neuen Familiensituation und den nachgeburtlichen Hormonverwirrungen zu kämpfen. Daraus entstand eine partnerschaftliche Schieflage, die sie beide nicht mehr in den Griff bekamen.

Seine erste Affäre traf sie hart, hatte er sich emotional über seine üblichen Grenzen hinaus so weit eingelassen, dass ihre Ehe ernsthaft in Gefahr war. Weit schwerer als die Kränkung wog jedoch die Angst, alles zu verlieren, was sie sich aufgebaut hatten. Beide Bestverdiener erfüllten sie sich den Traum eines exklusiven Zuhauses und wurden ein kleiner, aber fixen Bestandteil der besseren Gesellschaft.

Als diese Liebschaft aufflog, folgten zuerst wortgewaltige, dann schweigende Gefechte. Der nachfolgende therapeutische Versuch der Aufarbeitung gelang in keinster Weise und endete in ergebnislosem Schweigen. Mit der Zeit glätteten sich die Wunden, doch heilten sie niemals mehr ganz ab.

Seither kamen immer wieder kurze Affären, die seine große Sehnsucht nach Liebe und Leidenschaft einige Wochen lang stillten, bis sie alle an seinem schweigenden Rückzug scheiterten. Sie nahm eine jede dieser Liebschaften wahr, ohne es sich anmerken zu lassen. Mit den Jahren gönnte sie es ihm sogar, wenngleich sie jedes Mal wieder zarte Stiche durch ihr Herz erdulden musste.

Ihre Ehe war zum gut eingespielten, funktionierenden Nebeneinander geworden, wie viele Paare es leben. Warum alles hinwerfen, nur weil die Liebe keinen romantischen Stellenwert mehr einnimmt. Nur noch selten kommt es zum Beischlaf, wenn der Abend weingeschwängert kurze Momente vergangener Lust wieder aufflammen lässt.

An ihrem Weinglas nippend, ihr Blick immer noch auf ihm ruhend, denkt sie sich, er ist ein schwieriger, aber guter Mann, der ihr viel gegeben hat, in jener Zeit, als sie noch tiefe Zweisamkeit spüren und leben konnten. Ihr Herz wird warm, als sie an die Kinder denkt, die er ihr schenkte und die für immer ein wichtiges Bindeglied ihrer Ehe sein werden.

Ein zartes Lächeln erblüht in ihrem Gesicht, sanfte Zuneigung durchfließt ihr Herz. Ja, es ist wieder so weit, eine neue Affäre begleitet ihr gemeinsames Leben. Doch es wird vorbeigehen, wie es immer vorbeigegangen ist. Immer noch ruht ihr Blick auf ihm, immer noch ist sein Blick gedankenversunken auf dieselbe Buchseite gerichtet. Dann zieht sie sich leise zurück, etwas traurig, etwas bedrückt, aber wissend, dass er bleiben wird.

© Lebensliebhaberin 14.07.2019