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Wenn Liebe zuschlägt

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Wenn Liebe zuschlägt | story.one

Er war einer jener Männer, die man auf den ersten Blick dem zwielichtigen Milieu zuordnete. Seine Erscheinung war geprägt von dunklem Sakko, weißem Hemd, dessen oberste Knöpfe offen standen und eine goldene Kette präsentierten, dunklen Lederslippern, honigblonder Fönfrisur, Pilotenbrille und dem goldenen Siegelring, der unübersehbar seinen kleinen Finger der linken Hand zierte. Mittlerweile in den Vierzigern, wurde sein güldenes Haar schütterer, seine Bauchregion umfangreicher und seine Haut schlaffer, aber sein überbordendes Selbstbewusstsein, das er stolz und erhaben vor sich hertrug, versuchte täglich dem Lauf der Natur zu trotzen.

Man begegnete ihm selten, was angesichts des Gemeindebaus, in dem es ständig wuselte und dessen Geschicke von unzähligen unsichtbaren Augen genau beobachtet wurden, unüblich war. Meist kehrte er spät nachts heim und verließ am nächsten Tag erst gegen Mittag seine Wohnung im fünften Stock. Die fünfzig Quadratmeter Gemeindewohnung, karg eingerichtet, nur auf das Notwendigste ausgerichtet, stand im krassen Gegensatz zu seinem Auftreten. Doch niemand störte sich daran, es galt leben und leben lassen, war der Gemeindebau doch bevölkert von Exoten dieser Art.

Eines Nachts dann polterte er kichernd mit einer jungen Frau die fünf Stockwerke nach oben. Eine kleine Sensation, nahm er sonst nie jemanden mit heim. Er hatte eine Frau gefunden, in die er unübersehbar verliebt war. Er wirkte um Jahre jünger, lachte und scherzte sogar, und die gerade einmal Zwanzigjährige an seiner Seite schien ihr Glück nicht fassen zu können. Sie war ein einfaches Mädchen von unauffälliger Attraktivität, mit tollem Körperbau und jenem bewunderndem Blick, den Männer wie er brauchten. Viele Wochen flatterten sie auf rosa Wolken dahin, bis der unvermeidliche Wetterumschwung einsetzte, die Wolken dunkler, der Umgang rauer und der Glanz in beider Augen dumpfer wurde.

Immer öfter kam es spät nachts zu unüberhörbaren Streitereien, die oft in körperlicher Gewalt endeten und am nächsten Tag durch versöhnliches Handhalten wieder gut waren. Die Gewaltausbrüche wurden schwerer, die Versöhnungen immer lauer, die junge Frau konnte langsam nicht mehr an der Wahrheit vorbeischielen. Dann kam die Zeit, in der ihre körperliche Genesung nicht mehr Schritt halten konnte mit der Häufigkeit seiner Gewalttaten, doch konnte sie sich nicht aus der Abhängigkeit zu ihm befreien.

Eines Tages dann die Überraschung, sie wurde Mutter. Die Schwangerschaft ging unbeeindruckt vom gewalttätigem Alltag ihren Weg und je mehr ihr bewusst wurde, welch Wunder sich in ihr entwickelte, umso mehr innere Kraft entwickelte sie. Sie konnte ihm körperlich nicht viel entgegensetzen, aber ihre innere Haltung veränderte sich merklich. Eines Tages dann gelang ihr der erste echte Schritt aus der Abhängigkeit. Sie floh zu ihren Eltern, die ihr wenig emotionale Wärme, aber für die nächste Zeit eine vor ihm sichere Umgebung boten.

© Lebensliebhaberin 2019-10-12

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