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Wer nicht hören will, muss fühlen

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Wer nicht hören will, muss fühlen | story.one

Anfang Jänner, ein Tag wie viele andere, als sie aus ihrem Weihnachtsurlaub wieder ins Büro kam. Sie hatte die 14tägige Auszeit damit verbracht sich auf die nächste UNI-Prüfung vorzubereiten, aber auch darauf geachtet, ihren Stresslevel wieder nach unten zu bringen. Seit einiger Zeit spürte sie die permanente Doppelbelastung von Beruf und Studium deutlich, doch gelang ihr bisher immer zeitgerecht eine Notbremsung.

Sie wuselte wie gewohnt durch den Bürokomplex, da war nichts Außergewöhnliches, bis zu jenem Moment, als sie wieder ihr Büro betrat. Ihre Kollegin, mit der sie sich das Zimmer teilte, telefonierte und erstaunt stellte sie fest, dass sie dies nur mit dem rechten Ohr hören konnte. Das linke Ohr war taub, einfach nicht mehr da. Es dauerte ein paar Sekunden, bis das Erstaunen vom großen Schrecken abgelöst wurde. Ich hör links nix mehr, sagte sie der Kollegin. Oje, ein Hörsturz, hatt ich auch mal, sagte die Kollegin und riet ihr gleich einen Arzt aufzusuchen.

Zwei Stunden späte saß sie verwirrt und immer noch erschrocken über das, was da unerklärlicher Weise vor sich ging, im Warteraum eines ihr unbekannten HNO-Arztes. Die Ordi war nur 5 Radminuten von ihrem Daheim entfernt, sie wurde sofort eingeschoben, sie sah das als gutes Omen an.

Der Hörtest für das linke Ohr fiel schlecht aus, aber auch das rechte Ohr war merklich beeinträchtigt, was ihrem im Chaos schwimmenden Hirn noch gar nicht aufgefallen war. Der Arzt schien nett zu sein, nur wenig älter als sie selbst, mit großer Sensibilität. Als sie am riesigen Patientenstuhl saß, die Beine wie ein Kind nach unten hängend baumelnd, erzählte sie die unspektakuläre Vorgeschichte, dann sah sie ihn hoffend an. Ein Hörsturz, sagte er, erst einmal 2 Tage ohne Medikation abwarten, meist renkt es sich wieder ein.

Es renkte sich ein, doch es dauerte unglaublich lange. Zuerst engmaschig, dann immer weitläufiger war sie fast 1 1/2 Jahr in ärztlicher Kontrolle. Zwei mittelschwere Medikationsversuche verliefen ohne nennenswerten Erfolg. Da sich ihr Hörvermögen zwar unendlich langsam, aber doch von selbst wieder aufrappelte, wollte der Arzt ihr keine schweren Medikamente verabreichen. Das linke Ohr verbesserte sich so weit, dass sie dunkle Töne wieder voll hören kann, bei den hohen Tönen blieb es bei ca. 80 % stehen. Das rechte Ohr ist wieder ganz da.

Es gab schon lange Anzeichen dafür, dass der Druck zu viel war. Wenn sie in ruhiger Umgebung feststellte, dass ihre Ohren das Rauschen des Meeres wiedergaben. Wenn sie von Schlafstörungen geplagt wurde, weil sie zu viel im Kopf hatte, ihr Hirn nicht zu denken aufhören konnte. Wenn sie aus Überlastung mehr Roboter als Mensch war.

Wer nicht hören will, muss fühlen, sagte ihre Mutter oft. Dass es diesmal um mehr als nur ein aufgeschlagenes Knie ging, wurde ihr erst bewusst, als sie verstand, wie viel Glück sie hatte nur einen Hörsturz und keinen Schlaganfall erlitten zu haben. Seither achtet sie sehr darauf die Warnsignale ernstzunehmen.

© Lebensliebhaberin 2019-08-11

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