skip to main content

Zauber der Langsamkeit

  • 72
Zauber der Langsamkeit | story.one

Virusinfektion im Hochsommer! Ungläubig betrachtet sie ihre knallrote Nase im Spiegel. Da gibt es einen ganz bestimmten Punkt, stecknadelgroß, wenn sie da hingreift, durchzieht ein stechender Schmerz ihren Nase. AUA, denk sie, warum, fragt sie sich, Mist, nimmt sie es zähneknirschend zur Kenntnis.

Ausruhen, dem Körper Zeit geben zu heilen, das ist grad nicht drin. Deshalb greift sie zu ihrer Lieblingsdroge, Parkemed, herrliches Zeugs, setzt Schmerzen für Stunden aus, wirkt entzündungshemmend und macht gerade so viel plemplem im Hirn, dass man aktionsfähig bleibt. Gesund ist es natürlich nicht, unterdrückt es doch nur, was raus will, aber harte Zeiten erfordern harte Maßnahmen.

Vier Tage später ist sie nur noch Zombie. Die Nase scheint doppelt so groß, dafür sind ihre Augen geschrumpft, liegen jetzt unter den Augenlidern verborgen. Nur noch ein halber Tag, sagt sie sich, dann ist Wochenende, Zeit zum Dahinsiechen. Aus dem halben Arbeitstag wurde dann doch ein Dreivierteltag, weil abgeschlossen gehört, was begonnen wurde. Harte Zeiten, harte Maßnahmen, da fällt ihr der weise Spruch ihrer Herzensfreundin ein. Der Friedhof ist voller pflichtbewusster Menschen, sagte diese ihr vor langer Zeit, und immer dann, wenn sie in dieser Richtung unterwegs ist, was noch zu oft der Fall ist, fallen ihr diese Worte ein.

Endlich Wochenende, der Drogenkonsum wird auf das Minimum herabgesetzt. Nur noch zum Schlafen dröhnt sie sich zu, dafür sind jetzt Naturheilmittel angesagt. Tee aus der Käspappel, mindestens 3 halbe Liter am Tag, und Spenglersan G, das sie mehrmals täglich, auf russische Art, direkt in die Nasenhöhlen sprüht. Viel Schlaf und Ruhe ergänzen den selbst auferlegten Heilungsplan. Jetzt muss nur noch ein Buch her, um unliebsamen Gedanken keine Chance zu geben. Es reicht, die körperlichen Wehwehchen auszuhalten, die seelische Jammerei hat jetzt mal Pause.

Beim späten Frühstück auf der Terrasse sieht sie sich um. Ihr Garten ist einfach bezaubernd, wild-romantisch, chaotisch-gepflegt. Das Gemüse ist endlich am Reifen, der erste Zucchini, groß und dick wie ein Unterarm, prangt stolz aus dem Beet. Die ersten Salatgurken präsentieren sich saftig grün zur Ernte. Die jungen Melanzani, das buschige Grünzeugs der Kartoffeln und das zarte Grün der Karotten lassen Vorfreude aufkommen. Nur die Tomaten und Paprika lassen sich Zeit.

Wie sie da so sitzt, ihr kleines Paradies betrachtend, geht ihr das Herz auf. Plötzlich spürt sie, was sie vermisst hat, ohne es zu wissen - das einfache Leben. Das Wahrnehmen der Fülle um sie herum, das wohlige Sein in der Zeit, das Zuhause sein.

Da musste also erst wieder einmal der Körper zeigen, dass er es satt hat, dieses dumpfe Dahinrasen im Alltagstrott, indem er auf seine Art streikt und so das Abbremsen auf Null erzwingt.

Gerade streicht der Sommerwind sanft durch ihr Haar, die Vögel singen ihr spätmorgendliches Lied, die Sonne entfaltet langsam ihre Kraft. Der Zauber der Langsamkeit.

© Lebensliebhaberin 2019-07-20

Kommentare

Bisher gibt es keine Kommentare.

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um Lebensliebhaberin einen Kommentar zu hinterlassen.