Achzig

Wo ist mein Stecken!

"Frau, wo ist mein Stecken?"

"Du brauchst mich nicht zu wecken, ich bin eh wach."

"Ich suche meinen Stecken, meinen Stock" wiederhole ich etwas lauter.

Die mir Angetraute fragend: "Wieso brauchst du jetzt deinen Stock?"

"Ich muss meine Brille suchen gehen. Ich glaube, sie liegt im Schlafzimmer am Nachtkastl. Und ohne Stecken geh ich nicht" erkläre ich ihr.

"Ich borg dir meinen, da hast."

"Der ist mir zu kurz, da hauts mich erst recht auf d'Erd. Meinen brauch ich."

Nichts kann man ihm recht machen, murrt sie in sich hinein.

Ächzend erhebe ich mich, taste mich den Schrank entlang, erreiche die Türe und schon befinde ich mich am Gang und strebe zielbewusst dem Schlafzimmer entgegen. Flott, wie auf der Autobahn, kommts mir in den Sinn. Der Teppich in der Mitte des Ganges hat aber ein seltsames Muster, der muss neu sein.

"Wo haben wir den neuen Teppich gekauft?" frage ich meine Frau.

"Was für einen neuen Teppich?" wundert sie sich, vom Wohnzimmer herausrufend.

Und schon erfahre ich die Urkraft unseres Planeten, direkt, ohne Vorwarnung erlebe ich die Anziehungskraft unserer Erde. Wie wenn ein Erdäpfelsack umfällt, pumperts und ich liege flach am Boden, auf dem neuen Teppich. Einige andere, mir fremde Geräusche untermalen meinen Abstieg in die Bodenlage. Der Schirmständer, eine große kupferne Vase, hatte mich auf meinem Weg nach unten begleitet. Ich habe ihn im Vorbeifliegen offensichtlich gestreift, vermute ich. Und dann gab es noch einen herzzerreißenden Schrei! Die Katze!

"Was hast denn der Mitze getan?" tönt es mitfühlend aus dem Wohnzimmer.

Ein wenig bleibe ich noch liegen, denke ich mir, sicherheitshalber. Es geht mir gut, nichts tut mir weh und von etwaigen Brüchen weiß ich zumindest bis jetzt noch nichts. Noch ist die Welt in Ordnung, so wie bisher. Jedenfalls so lange ich mich nicht bewege. Und die Katze?

Ah, des Teppichs neues Muster! Ob sie mir das jemals verzeiht?

"Hast die Brille?" ruft meine Frau. Sie redet immer sehr laut, weil sie glaubt, ich höre auch schon so schlecht wie sie. Dabei höre ich noch wie ein Luchs! Sie weiß das aber nicht, nimmt es einfach nicht zur Kenntnis. Ich murmle irgend etwas als Antwort. Antworten muss man schon, gehört sich so.

Und jetzt schauen wir einmal, was geht. Ich bewege den kleinen Finger der linken Hand. Lässt sich ohne Schmerzen machen. Dann alle anderen. Nun den linken Arm, auf dem rechten liege ich.

Geht alles. Ich drehe mich leicht zur Seite.

Da meldet sich das körpereigene Warnsystem, mit Schmerzen. Nicht so gut denke ich mir, als mir der Schmerz ins Kreuz fährt. Na, wart ma halt noch ein wenig.

Wie ich so daliege, pirscht sich leise und vorsichtig unsere Mitze, der vermeintliche neue Teppich über den ich gestolpert war, an. Erst beschnuppert sie meine Füße, schleicht näher, erreicht mich am Oberkörper, stellt siegesbewusst ihre linke Pranke auf meinen Brustkorb und blickt meiner Frau, die gerade vom Wohnzimmer harauskommt, siegesbewusst, oder treuherzig? in die Augen.

© Leju