Der Ausbruch

Friedhofbesuch mit Grabpflege am "Zentral" in Wien. Es ist Herbst, bald das Fest Allerheiligen.

DIE TORE DES FRIEDHOFES WERDEN BEI EINBRUCH DER DUNKELHEIT GESCHLOSSEN

steht auf einem Schild am Eingangstor. Dieser Friedhof ist mit einer etwa 2 m hohen Mauer umgeben.

Wir ließen das Auto am Parkplatz außerhalb stehen und wanderten zu den beiden Gräbern unserer lieben Verstorbenen. Wir schmückten jedes der beiden Gräber, zündeten Kerzen an und hielten inne, versunken in Gedanken an die hier Ruhenden.

So sehr waren wir in Erinnerungen vertieft, dass uns die aufkommende Dunkelheit überraschte. Wir eilten zum Tor. Verschlossene Ruhe strahlte es aus! Ja, es wirkte tatsächlich alles noch ruhiger als sonst, so friedlich. Das kam aber vermutlich auch daher, dass unser Tor zur Außenwelt bereits geschlossen war. "Gut, dass wir das Auto draußen abgestellt haben" sagte ich als erstes zu meiner Frau.

"Und wie kommen wir jetzt hinaus?" war ihre berechtigte Frage, während ihre Blicke die Höhe der Mauer in der Dunkelheit maßen.

Zugegeben, eine Weile waren wir schon beide betroffen, gingen die Friedhofsmauer in der Finsternis entlang, auf der Suche nach einer Möglichkeit, dieses Hindernis zu überwinden.

An einer Stelle, auf der anderen Seite des Fahrweges, befand sich eine aus Holz gezimmerte, große Kiste, direkt an der Friedhofsmauer. Sie enthielt den Streusand für das Bestreuen der Geh- und Fahrwege bei Eis- oder Schneelage.

Anfangs skeptisch, lies sich meine Erstfrau schließlich doch davon überzeugen, dass dies eine Chanche war. Erst half ich ihr einmal hinauf auf die Kiste, deren Deckel, fast flach, stabil genug war, uns beide zu tragen. Auf dieser Sandkiste stehend, machte ich meiner Frau die sogenannte "Räuberleiter", also ich ließ sie auf meine harabhängenden aber verschränkten Hände steigen, an meinen Schultern anhaltend stand sie schließlich mit ihren Füßen an mir auf Bauchhöhe.

"So, gut,- und jetzt steig mit einem Fuß auf meine Schulter" erklärte ich ihr. Sie schaffte es und war somit so hoch oben, dass sie sich bäuchlings auf die Mauer oben hinaufziehen konnte. Ich zog mich hoch und stand schließlich neben ihr auf der in herbstlicher Dunkelheit liegenden Friedhofseinfassung.

Erst einmal verschnaufend und die Situation bewertend, sahen wir ein Auto auf der zum Friedhof führenden Straße heranfahren. Das Scheinwerferlicht erfasste uns beide und das Fahrzeug blieb plötzlich stehen. Einige Sekunden, oder Minuten? blieb alles still. Doch dann erschall kräftiges Gehupe, anhaltend, und daraufhin schoss mit quietschenden, sich durchdrehenden Rädern das Auto, offensichtlich in panischer Flucht vor dem Unvorstellbaren, davon.

Wir beeilten uns wegzukommen, bevor eventuel das polizeiliche Einsatzkommando auftrat. Ich ließ meine Frau an der Außenseite! der Mauer, an beiden Armen haltend, hinuntergleiten und rutschte anschließend selbst hinunter auf festen, freien Boden. Und wir ergriffen die Flucht ...

© Leju