Der phänomenale Harn-Tee

Schnupfen und Halsschmerzen hatte sie schon. Die Teekanne ist im Vollbetrieb.

Erst sagte sie, meine Gütige, sie gehe heute keinesfalls hinaus, sie werde weiterhin das Haus hüten. So wie auch schon gestern.

Ich erklärte, für das Mittagessen zu sorgen, zu kochen.

Ich, das bin ich, ihr Diener. Seit einer Ewigkeit sind wir verheiratet. Also seit Jahrzehnten jedenfalls. Und so habe ich auch Aufgaben übernommen.

"Ich muß mir einen Harn- Tee holen, von der Apotheke", gab sie nun bekannt.

"Vorhin hast du gesagt, du gehst heute nicht hinaus, mit deiner Erkältung" zeigte ich mich überrascht.

"Na, ich brauch einen Harn-Tee, einen Harn- und Blasentee" begründete sie ihren jüngsten Entschluss.

"Ich hol ihn dir, - brauchst nicht hinauszugehen" antwortete ich, und nahm ihr die Entscheidung, mich doch darum zu bitten, zu ihrer Erleichterung ab.

"Einen Harn-Tee soll ich besorgen" erkläre ich.

Die Apothekerin war freundlich wie immer. Na klar doch, hier barzahlender, dem Preisdiktat ausgelieferter Kunde, dort Apothekerpreise. Da lässt es sich leicht freundlich sein.

Auf der Packung, die ein kleines Vermögen kostet, relativ betrachtet, steht: Blasen- und Nierentee.

"Und da muss sie sich hineinsetzten, in den aufgegossenen Tee, ein Unterleibsbad nehmen" frage ich die Freundliche.

Geistesgegenwärtig und witzig wie immer, kontert sie schlagfertig:

"Nein, sie braucht sich nicht zuerst hineinzusetzen, sie kann den Tee gleich trinken".

"Brauchen Sie ein Sackerl?" fragt die Apothekersfrau noch, nachdem ich für ihre ganze Familie das Mittagessen bezahlt hatte.

Ich bejate das, - bei solchen Preisen nehme ich alles, was möglich ist und so herumsteht. Eine Schüssel mit Zuckerl zur üblichen freien Entname wie z.B. bei meinem Hautarzt, aber auch in Wirtshäusern (zur Mundhygiene nach Alkoholkonsum) stand nirgendwo herum, sosehr ich auch danach suchte. Die Frage nach Probe- bzw. Musterpackungen von neuen Medikament-Kreationen brachte diesesmal auch keinen Erfolg.

"Zur Zeit haben wir keine neuen Probepackungen, leider" klärt mich die Alchimistin gütig auf.

Ich resümiere: "Also nicht zum Baden, sondern zum Einnehmen, anstatt des Grünen Veltliners."

Damit verabschiede ich mich für heute und verlasse die Giftküche.

"Du brauchst nicht darin zu baden, sagt die Apothekerin" kläre ich meine "Eh-alles-Wissende" auf, als ich ihr den aufgebrühten Tee reiche.

"Gleich trinken, hat sie gesagt, aber konsequent" und ich überlasse eine betroffen Grübelnde ihrem unmittelbar schweren Schicksal.

Im Ruhestand ist das reale Leben erst erkennbarer.

Zuvor war der Blick getrübt, verstellt, von den täglichen Verpflichtungen des Berufslebens.

Diese Klarheit ist manchmal erschreckend . . .

© Leju