Die Ewigkeit der Liebe

Er war kein Kostverächter. Etliche Beziehungen hatte er in seinem Leben. Die meisten waren im Sande verlaufen. Bis auf zwei. Eine davon war Michaela, - er hatte Michaela geheiratet.

Anita war der Orkan in der jugendlichen Sturm- und Drangzeit. Doch ihre Wege hatten sich getrennt. Physisch jedenfalls.

Drei Söhne, bereits tüchtig im Leben stehend, hat Peter mit Michaela. Er denkt gerne zurück an die schöne Zeit der großen Familie, als auch seine Frau noch bei ihnen war. Bis diese schwere Krankheit über sie gesiegt hatte. Die Söhne hatten sie zumindest als Kinder gehabt. Sie waren bereits alle drei erwachsen, als ihre Mutter starb.

Die gnadenlose Zeit ist auch an ihm nicht spurlos vorübergegangen. Alt ist er geworden, der Peter. Und wenn er so, in seinem Lehnstuhl auf der Veranda sitzend zurückblickt, tauchen Szenen aus diesem langen, intensiven Leben auf. Wie ein Film zieht sie vorüber, die verflossene Zeit. Dann nickt er ein, mit einem Lächeln um den immer noch frischen Mund.

Und da kommt es vor, dass er von ihr träumt. Anita, die Schöne, die Zarte, ihre großen Augen ihn einfangen, ihre vollen Lippen Lust und Sinnlichkeit in ekstatische Höhen schaukeln. Zärtlichkeit, Verlangen die erotische Phantasie beflügeln, hin zu grenzenloser Erfüllung. Noch ist sie nicht erschöpft, unsere Liebe...

Eine Autohupe ruft Peter wieder zurück in die Zeit.

Wie lange habe ich Anita nicht mehr gesehen? Jahrzehnte, stellte er fest. Was wohl aus dieser äußerst engagierten Krankenhausärztin geworden ist?

Es waren dies die warmen, sonnigen Tage in seinem Leben, wenn er Besuch von einem seiner Söhne bekam. Manchmal tauchten sie gemeinsam auf, dann war das ein ganz besonderes Ereignis für ihn. Es war wieder "Familie" zu spüren.

Bis es dann zu dem Unglück kam. Er war ausgerutscht, die Treppe hinuntergestürzt und am Hinterkopf aufgeschlagen.

Und so landete er in dem Krankenhaus, in welchem seinerzeit auch Anita ihren Dienst als Ärztin versehen hatte.

"Hat noch einmal Glück gehabt" hörte er jemanden sagen, aus weiter Ferne, kam es ihm vor. Es war der diensthabende Arzt der Unfallstation, der sich mit seinem Sohn unterhielt.

Und Peter fiel wieder erschöpft in seinen Dämmerschlaf.

Sie trat an ihn heran, fühlte seine Stirn, und er schlug die Augen auf.

Ein Gefühlskoctail durchströmte seinen ganzen Körper, er begann zu zittern, dass es das Krankenbett schüttelte. Da stand sie vor ihm! Sie! Anita! 27 Jahre jung, schön wie damals, in voller weiblicher Blüte.

"Anita ...wo bin ich..." Ist das das Jenseits, bin ich gestorben? Und er stammelte wiederholt den Namen seiner Jugendliebe vor sich hin. Die Visite-Ärztin streichelte ihm beruhigend über die Stirn.

Anita ließ es sich nicht nehmen, einmal im Monat ihre Enkeltochter mit deren Lieblingsspeise zu bekochen. Und Manuela, die im selben Krankenhaus Dienst versah wie damals ihre Großmutter, erzählte ihr von dem alten Herrn, der sie so ungläubig angestarrt und ständig den Namen "Anita" gestammelt hatte . . .

© Leju