Schiffbruch am Nil

Es war fünf Uhr Früh, als ein kräftiger Stoß unseren Schlaf beendete. Draußen dunkelte es noch. Die WC -Türe klemmte. Ein Blick aus dem Fenster ließ Gestalten erkennen, welche mit langen Stangen ins Wasser, Richtung Boden, also Flussbett, stießen, um die Wassertiefe unter Schiff zu ergründen. Tief kamen sie nicht! Unser "Nil-Treasure", so hieß das Schiff, mit ca. einhundert Passagieren an Bord, war auf einen Felsen in Ufernähe aufgelaufen. Langsam "graute dem Morgen", wie auch uns ob dieses Ereignisses. Unsere Söhne, also der Sohn unseres befreundeten Ehepaares und unserer, waren wohlauf und nahmen von dem Geschehen keinerlei Notitz.

Weil sonst nichts zu tun war, suchten wir den Frühstückssaal auf. Man bemühte sich, schon Speisen und Getränke anzubieten. Eine offizielle Erklärung über die Situation blieb aus. Aber bald tauchten unsere Jungmänner auf und riefen uns, unter der Tür des Saales stehend, zu: "Wir haben Dieselöl in der Kajüte, ca. 10 cm hoch." Diese Information beruhigte die Anwesenden ungemein. Manche meinten, ob wir jetzt wohl "absaufen"? Ob das Schiff untergehen würde?

"Solange es fest aufliege, sei diese Gefahr auszuschließen" klärte ein Experte die Gäste auf. Es war ein Spezialist für Kreuzfahrten, sagte er jedenfalls,ein Deutscher. Das Frühstück schmeckte offensichtlich trotzdem, wie man am Gedränge zum Buffett sehen konnte. Wars vielleicht die "Henkersmahlzeit", also das letzte Essen für uns? Keiner wusste es genau.

"Es wird versucht, den Treibstoff-Tank zu schweißen" hieß es dann. Und: "Wir sind auf einen Felsen aufgelaufen."

Es waren plötzlich zwei Schiffe zu sehen, welche unser Schiff mit Stahlseilen in "Schlepptau" nahmen und fest zogen. Leider nicht fest genug. Der Nil-Treasure rührte sich nicht vom Fleck. Doch der Kapitän, eine etwa 55 Sommer zählende bauchige Erscheinung in weißem Kittel bis zu den Füßen (in Ermangelung einer Kapitänsuniform?) bemühte sich ungemein. Er stand, kniete und lag abwechselnd auf Deck in Bugnähe, Richtung Mekka gewandt. Seine persönliche Art, mit dem Problem fertig zu werden.

"Wir werden über einen Steg aus Holzpfosten (wurde gerade Richtung Uferböschung gelegt, reichte aber in der Gesamtlänge nicht aus) ans Ufer evakuiert." Klärung der Situation unseres Experten für Hochsee- und aller übrigen Schifffahrtsereignisse.

Ältere Gäste am Schiff sorgten sich: "Wie soll ich da rüberkommen? Und da diese hohe Uferböschung hinauf, das schaffe ich doch nicht." Andere stimmten ein. Weil ich auch ein großer Spezialist für derartige Verhältnisse bin, beruhigte ich sie: "Das soll Sie nicht beunruhigen, es ist nicht Ihr Problem, wie Sie in Sicherheit gebracht werden. Der Kapitän hat dafür zu sorgen" fügte ich noch etwas unsicher hinzu.

Mit Speisen und Getränken wurden wir ausreichend versorgt, als Unterhaltung dienten die sichtbaren Bemühungen...

Wir wurden schließlich alle am späten Nachmittag evakuiert und mit Booten auf andere Schiffe aufgeteilt.

© Leju