Aus gutem Grund

Neben der Schule meiner Tochter gab es ein kleines Geschäft. Man konnte dort so ziemlich alles kaufen, was man als Waldorf-Familie für den Alltag braucht. - in Bio natürlich. Name und Philosophie des Unternehmens: aus gutem grund. Vor einem Jahr hat es leider geschlossen. Dies ist eine Hommage...

Es ist nämlich so: als ich ein Kind war, traf sich die weibliche Nachbarschaft mit Ausnahme meiner Mutter in einem kleinen Gemüsegeschäft, zum Einkaufen natürlich, aber auch um kräftig in der Gerüchteküche mit zu kochen... da meine Mutter sich nicht stundenlang für einen Salat anstellen wollte, bevorzugte sie eben den Supermarkt. Das hatte erstens zur Folge, dass sich um unsere Familie die allerwildesten Geschichten rankten, zweitens dass ich auf eine gewisse Art und Weise sehr ungeschult aufwuchs, was das lockere Plaudern mit bekannten Leuten betrifft. Erst nach zahllosen Begegnungen im Alltag verliere ich das unangenehme Gefühl, nicht zu wissen ob und wenn ja über was und wie man reden sollte... dabei bin ich genauso neugierig wie alle anderen!

Fehlt einem dieses Talent, ist man oft von Informationen ausgeschlossen; so rätselte ich jahrelang, warum die Kunden aus der Schule einmal von ‚beim R.’ einkaufen, dann wieder von ‚das gibt’s beim E.’ oder auch einfach nur ‚dem guten grund’ sprachen, während auf der Rechnung ‚Sch...’ zu lesen war. Trotz meiner Scheu vor kleinen Geschäften mit großem Risiko auf Bekannte mit Tratsch-Ambitionen zu treffen, hatte es mir dieser Schul-Laden aber von Anfang an angetan. Hier gab es nicht nur biologisch angebautes Obst und Gemüse, nein, von der feinen Gesichtscreme über Knetwachs, Fleisch und Fisch, auch Süßigkeiten, Buntstifte, Waschmittel, Bienenwachskerzen zu Weihnachten und herrlichste Rosenmarillen im Juni zum Einkochen für’s restliche Jahr, nicht zu vergessen die wunderbaren Kreidezeichnungen an der Tafel vor der Tür, die die neu eingetroffene Ware priesen...

Und das lockere Einkaufsgespräch hat mir übrigens nicht nur, aber vor allem Verkäuferin S. ermöglicht. Sie, ein Gesicht aus meiner eigenen kurzen Schulzeit an der angrenzenden Waldorfschule, war nie um einen Plausch verlegen und nach diesem Training hatte ich dann auch einen spannenden Austausch mit E., dem Betreiber des Bioladens, der sich zu meinem Erstaunen als großer New York Fan herausstellte. Erhebend sei diese Stadt, wie die Wolkenkratzer; ich konnte ihm da nur heftig nickend zustimmen, war ich doch selbst im Sommer eine Woche lang dort gewesen. So tauschten wir viele Flugstunden von Manhattan entfernt nicht nur Geld gegen beste Bio-Produkte aus lokalem Anbau, sondern auch Urlaubserinnerungen, hier am Rande von Wien. "Einmal New York und zurück, bitte!"

Kurz und gut, ein Einkauf bei E. war ganz so wie man es sich vorstellt, wenn man an die ‚gute, alte Zeit’ denkt, die Zeit, die eben nicht mehr ist. Jetzt, wo wir uns beim Namen kennen. Wirklich, ich vermisse das Geschäft... aus vielen Gründen!

© Lena