Ersteweltschmerz

In den Nebelschwaden, die von der Au her über die Lärmschutzwälle und Autobahnböschungen in den Bahnhof gekrochen sind, begegne ich meiner Nemesis. Ich kenne ihren Namen nicht, bis vor gerade eben wusste ich nicht mal, ob Mann, ob Frau… Es überrascht mich, dass sie einen zerknitterten Trenchcoat trägt, der ins Bräunliche tendiert. Ist sie es wirklich? Sie muss es sein. Die Tinte auf dem Fahrkartenautomatenbeipackzettel ist noch frisch und laminiert mir die Fingerkuppen. Ich hasse das.

Stundenlang könnte ich über die Kanaillen sudern, die ihre Quittungen nicht aus dem Fahrkartenschlitz fischen. Da kann mir der Sibi noch so oft erklären, dass in Afrika die Kinder hungern und in Syrien die Bomben fallen. Mein Leid ist größer, jetzt gerade, mit klebriger Tinte an den Pratzen. Stolz bin ich darauf nicht, und wenn ich dann später zur ZiB zapp, werd ich mich vielleicht sogar ein bisserl schämen. Jetzt aber hat die Wut das Sagen und verlangt Genugtuung für die Ungerechtigkeiten, die mir täglich widerfahren.

Klopapierrollen, die, falsch herum auf die Halterung gepflanzt, mit der Abrissstelle die Wand touchieren. Lebenszeitdiebe, die ihre Smoothies an der Billakasse in drei separate Einkäufe splitten. Sätze, die mit „Eine Studie besagt“ beginnen. Plärrende Hupen in Wien. GIS-Werbespots. Bierpreise. Und die Leute, die ihre 3,40 für das S-Bahn-Ticket mit der Bankomatkarte bezahlen, sich dann das Ticket, NICHT ABER DIE VERDAMMTE QUITTUNG einstecken. Jeden Morgen liegt ein Zettel im Schlitz, den ich zur Seite wischen muss, um an meine Fahrkarte zu kommen. Jeden Morgen scanne ich streitsüchtig den Bahnsteig nach dem Übeltäter ab. Jetzt habe ich ihn endlich vor mir. Er klappt nochmal sein Börserl auf. Ist die Maestro auch gut verstaut? Sie ist es, er schiebt sich den Geldbeutel in die Hosentasche.

Die Zeit der rechtmäßigen Entrüstung ist gekommen. Mit dem Elan eines notorischen Beschwerdebriefschreibers gehe ich auf meinen Erzfeind zu. Ich habe ihn mir anders vorgestellt. Mal als abgeschleckten Vorstadt-Adonis, der sich im Spiegelbild des Automatendisplays die Haartolle streichelt. Mal als grimmigen Berufsproll mit fettigem Pferdeschwanz, der alle paar Meter einen Greanen auf den Gehsteig schlatzt. Mal als schnöseliges Citymädel, das die Straßen mit ausgelutschten Kaugummileichen pflastert.

Ich spüre ein Zaudern, das sich lähmend in meinen Gliedern ausbreitet. Abschütteln! Die Worte heraufbeschwören, die ich mir in zahllosen Konfrontationsfantasien zurechtgelegt habe! „HAMMA WAS LIEGEN LASSEN?!!“ Ich übe es im Kopf und öffne in Artikulationsabsicht den Mund, da kommt dem Trenchcoatmenschen keine zwei Armlängen vor mir ein entwaffnendes Husten aus.

Ich stocke. Die Worte fallen mir falsch herum aus dem Mund, direkt in den Hals hinein. Ich bleibe stehen, meine Nemesis verschwindet im Nebel. Nächstes Mal, sag ich mir fast erleichtert. Das Schreien ist ohnehin nicht meins. Viel lieber suder ich im Stillen.

© Leo_Ferl