Dein Licht

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Dein Licht | story.one

Du kamst ganz unerwartet in unser Leben. Mit einem Paukenschlag sozusagen. Ich war schon einige Monate mit deinem Vater zusammen, als ich von dir erfuhr. Ich war überrascht, dass er ein Kind hatte, schien er doch mit meinen beiden nicht recht warm zu werden. Wir mochten dich dafür an Anhieb. Du warst so echt. Pur. Jede deiner Äußerungen eine direkte Verbindung zu deinem Innersten. Als ich dich kennenlernte, warst du 15. Du hast dich bei uns gleich wohlgefühlt und besonders meine Tochter hatte einen Draht zu dir.

Du wurdest mit Trisomie 21 geboren. Eine Behinderung spürten wir nicht. Nur ganz viel Leben. Lachen. Freude. Wenn du zu Besuch kamst, kamen gleich viele. Beim Abendessen saßen dann immer Scooter (dein absoluter Lieblingssänger), Nena und ein paar deiner anderen unsichtbaren Freunde mit am Tisch. Ich legte vorsichtshalber gleich immer zwei Gedecke mehr auf.

Du konntest den ganzen Tag lang quatschen. Mit uns. Mit deinen imaginären Freunden. Oder mit dir selbst. Mit meiner Tochter hast du Fußball gespielt und meistens die ganze Siedlung um dich gescharrt. Du hast alle in deinen Bann gezogen. Mit deinem ganz besonderen Licht.

Manchmal warst du auch ganz schön stur. Wenn du nicht aufstehen wolltest. Dein Vater, dich drängte, dich zu beeilen. Das konntest du überhaupt nicht leiden. Du warst immer ganz im Jetzt. In diesem Moment. Niemand sollte dir den nehmen. Was für eine beneidenswerte Fähigkeit!

Den Urlaub auf der Halbinsel Chalkidiki vergesse ich sicher nie! Als du dir am Buffet einen Berg Fleisch auf den Teller geladen hast. Noch nie habe ich jemanden so strahlen gesehen. Dein Vater hat getobt. Fleisch ohne alles. Ich musste schmunzeln. Du hast den ganzen Teller leergeputzt. Das Dessert fiel nicht weniger üppig aus. Du wusstest genau, wie sehr das deinen Vater verärgerte.

„Der Herr Papa will entscheiden, was ich esse. Du suchst dir dein Essen aus“, hast du deinem Vater erklärt. Und ich mir meins.“

Nicht das einzige Mal, dass ich beschwichtigen musste, um einen Streit zwischen euch beiden zu verhindern.

Nach der Trennung haben die Kinder und ich dich ein paar Mal in Graz besucht, wo du bei deiner Mama wohnst. Du bist richtig erwachsen geworden. Arbeitest in einem Integrationscafé. Die Kunden lieben dich! Wie könnten sie auch nicht? Deine imaginären Freunde sind weitergezogen. Dieses ganz besondere Licht strahlt aber immer noch aus deinem Inneren. Du bist immer noch vollkommen im Hier und Jetzt. Und wir haben unglaublich viel von dir gelernt.

© Lilly Frost 04.05.2020