Die Kraft der Liebe

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Die Kraft der Liebe | story.one

Das erste Mal, als die Angst kam, werde ich nie vergessen. Ich war 17 und in der Mittagspause in die Salzburger Altstadt spaziert. In der Judengasse drehte sich mit einem Mal alles. Der Boden schien zu wanken. Mein Herz raste, bis ich das Blut in den Ohren rauschen fühlte. Ich brach in Schweiß aus. Mir war übel. Meine Knie zitterten vor Schwäche, so dass ich mich an eine Hausmauer lehnen musste. So fühlt sich sterben an, dachte ich. Nach fünfzehn Minuten verzog sich die Angst. Ich schwänzte den Turnunterricht und fuhr nach Hause.

Von da an überfielen mich die Angstattacken immer öfter. Im Unterricht. Am Heimweg. Sogar zu Hause. Ich fühlte mich nirgends mehr sicher. Und je mehr ich die nächste Panikattacke fürchtete, umso heftiger schlug sie zu. Mit Unterstützung meiner Eltern schaffte ich das letzte Schuljahr und die Matura. Eine Odyssee von Arzt zu Arzt begann. Kreislaufstörungen, meinten die einen. Überlastung, die anderen. Alle Untersuchungen blieben ohne Befund. Auch die Gesprächstherapie, die ich daraufhin begann, brachte kaum etwas. Irgendwann konnte ich weder das Haus verlassen noch alleine zu Hause bleiben. Die Angst kam nicht mehr urplötzlich, sie schien mich ständig zu umgeben, nur darauf zu lauern, mich mit voller Wucht außer Gefecht zu setzen. Es gab keine angstfreien Zeiten. Es gab nur leichtere Angst, stärkere oder blanke Panik. Meine Mutter war praktisch rund um die Uhr für mich da. Mich plagten Schuldgefühle, weil ich für alle eine Belastung war.

Ich beendete meine Beziehung. Schnell war klar, wer meine wahren Freunde waren. Am Ende blieben nur zwei oder drei übrig. Fast zwei Jahre habe ich das Haus praktisch gar nicht verlassen.

Nach und nach machte ich kleine Fortschritte. Ich inskribierte mich für ein Studium. Es gab Tage, an denen ich nicht zur Uni fahren konnte. Dann gab es bessere Tage, aber längere Zeit alleine zu bleiben, schaffte ich gar nicht. In dieser Zeit kam ich wieder mit meinem Ex-Freund zusammen, der stets gedacht hatte, ein anderer Mann wäre der Grund für unsere Trennung. Der Satz seiner Mutter hat sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt: „Was willst du eigentlich mit dieser Geisteskranken?“ Das tat richtig weh!

Als ich schwanger wurde, hatten viele in meinem Umfeld Bedenken. „Sie kann ja nicht mal auf sich selbst aufpassen. Wie soll das mit einem Kind gehen?“

Ich hatte große Angst, aber ein Gefühl tief in mir sagte mir, dass ich das schaffen würde. Mein Sohn hat mich gerettet. Für ihn habe ich die Angst besiegt. Auch wenn es ein langer, schwerer Weg war. Ich verdanke es meinem Sohn, dass ich heute eine starke, lebensfrohe und glückliche Frau und Mutter bin.

Die Angst besucht mich auch heute noch dann und wann. Doch sie hat ihren Schrecken verloren. Denn es gibt Kräfte, die sind so viel stärker als sie.

© Lilly Frost