Gras fürs Küchenregal

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Gras fürs Küchenregal | story.one

Hasch habe ich zuletzt mit 20 geraucht. Meine Erfahrung mit Marihuana und mit Drogen im Allgemeinen beschränkt sich auf zwei Begebenheiten: Einmal rauchte ich das süßlich riechende Kraut auf einer Party mit meinem damals besten Freund. Dummerweise hatten wir davor einen riesigen Teller Pizza verdrückt. Das Gras und die Pizza wurden keine Freunde. Letztere verließ meinen Magen deutlich schneller als geplant. Meinen zweiten Joint rauchte ich mich einem Typen, für den ich schwärmte. Das Zeug machte mich so schläfrig, dass ich einschlief. Der Typ meldete sich nie wieder.

Umso gespannter war ich, als ich vor ein paar Jahren mit meinem Mann nach Amsterdam flog. Die Stadt mit ihren wunderschönen Grachten gefiel mir auf Anhieb. Die Leute waren entspannt. Nur die Radfahrer verstanden keinen Spaß, wenn ihnen zu Fuß ein Tourist in die Quere kam. Wir schlenderten also durch die Straßen, genossen die Sonnenstrahlen und erspähten an jedem Eck einen Coffee Shop. Schon vor unserer Anreise hatten wir beschlossen: Einen Joint probieren wir auf jeden Fall!

Als wir durch das Rotlichtviertel spazierten, stieg mir permanent ein bekannter süßlicher Geruch in die Nase. Ich hatte das Gefühl, mitten in einem Coffee Shop zu stehen und selbst zu rauchen. Binnen Minuten fühlte ich mich berauscht, redete wie ein Wasserfall und kicherte wie ein Teenager.

„Du spürst das Zeug auch, oder?“, fragte mein Mann.

Ich nickte. „Herrlich! Fühlt sich an wie fliegen“, erklärte ich, schnappte seine Hand und lief übermütig an den Schaufenstern vorbei, in denen halbnackte Frauen ihre Körper anboten. Ich fand das alles sehr lustig und den Damen zu, die mich tunlichst ignorierten.

Am Abend stellten wir beide fest, dass uns die Lust auf einen Joint vergangen war, hatten wir doch ohnehin das Gefühl „eingeraucht“ zu sein.

Am nächsten Tag genossen wir eine Grachtenfahrt bei feinstem Wetter, erhielten spannende Einblicke im Museum der Prostitution und lernten bei einer zu Fuß geführten Tour die Stadt mit einem Einheimischen kennen. Besonders berührt hat mich der Besuch des Anne Frank-Museums. Obwohl ich die Geschichte kannte, stiegen mir Tränen in die Augen, als ich die Welt sah, in der Anne mit ihrer Familie die letzten Jahre ihres so jungen Lebens verbracht hatte.

Die Tage verflogen und unser Rückflug stand kurz bevor. Die Lust, einen Coffee Shop zu besuchen, war uns vergangen, nicht aber der Gedanke, dass wir unbedingt Marihuana aus Amsterdam probieren mussten. Also kauften wir kurzerhand zwei Joints samt geruchfester Hülle für zu Hause. Ein bisschen mulmig war mir schon, das Gras mit ins Flugzeug zu nehmen. Ich sah uns schon statt im Flieger auf der Polizeidienststelle in Schiphol Platz nehmen. Doch erstaunlicherweise geschah - nichts.

Seither liegen die Joints auf einem Regal in der Küche und warten darauf, geraucht zu werden. Bisher ist die Lust darauf noch nicht zurückgekehrt!

© Lilly Frost 01.08.2020