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Kuss im Freudenhaus

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Kuss im Freudenhaus | story.one

Als ich 13 war, begleitete ich meinen Vater auf einer Busreise nach London. Während mein Vater sich in erster Linie auf die weltberühmten Gewächshäuser von Kew Gardens freute, konnte ich es kaum erwarten, die Shopping- und Musikmetropole London zu entdecken.

Mit an Bord war eine Gruppe oberösterreichischer Touristen, die uns gleich sympathisch war. Besonders W., ein blonder siebzehnjähriger Bursche hatte es mir angetan. Der arme Kerl hatte natürlich keine Ahnung, wie jung ich war. Mit meinen 1,75m Größe und der schon damals weiblichen Figur ging ich locker für 16 durch.

Beim Abendessen saßen wir neben den Oberösterreichern. W. und ich flirteten bereits auf Teufel komm raus miteinander. Wir redeten nach dem Essen noch stundenlang. Zum Glück war mein Vater diesbezüglich recht entspannt Am liebsten wäre ich gar nicht schlafen gegangen.

Am nächsten Tag ging es weiter nach Ostende, wo wir mit der Fähre nach Dover übersetzten. Die Überfahrt war etwas ruppig, aber ich stand händchenhaltend mit W. an der Reiling und genoss es, die Gischt auf der Haut zu spüren. In London angekommen, bezog die ganze Gruppe ein modernes Hotel in der Nähe des London City Airports. Ich bekniete meinen Vater, am nächsten Tag mit W. durch die Stadt ziehen zu dürfen, während er den Botanischen Garten besuchte. W. versicherte ihm, dass seine Eltern uns begleiten würden. Schließlich willigte mein Vater ein. Ich war im siebten Himmel!

So schlenderten wir Hand in Hand durch die Stadt, besuchten Madame Tussauds, aßen Fish & Chips und kauften in einem der zahlreichen Läden T-Shirts und andere Souvenirs. Jedes Mal, wenn ich W. anschaute, schlug mein Herz so laut, dass ich dachte, er müsste es hören. Wie mochte es sich anfühlen, ihn zu küssen? Ich hatte bislang noch nie jemanden geküsst. Doch W. war so beschäftigt damit, die Stadt zu erkunden, dass mein sehnlicher Wunsch unerfüllt blieb.

Wir verbrachten drei spannende Tage in der britischen Metropole. Als wir die Rückreise antraten, hatte ich die Hoffnung aufgegeben, meinen ersten Kuss zu erleben. Auf der Rückfahrt nächtigten wir in Brüssel. Als wir die Unterkunft betraten, erwartete uns eine böse Überraschung. Die Pension war heruntergekommen und leicht bekleidete Frauen schwirrten durch die Gänge. Wir waren in einem Stundenhotel gelandet! Mein Vater beschwerte sich umgehend beim Veranstalter. Der bedauerte, konnte aber nichts tun. Es gäbe eine Messe in der Stadt, alle Zimmer seien ausgebucht. Mein Vater schlief binnen Minuten ein, während mich die recht eindeutigen Geräusche wachhielten.

Ich stand auf, um mir aus dem Getränkeautomaten eine Cola zu holen und lief direkt in W. hinein. Entschlossen zog er mich an sich, bis sich unsere Lippen trafen. Ich war wie elektrisiert. Mein erster Kuss! Berauscht wankte ich zurück ins Zimmer. Meine Lippen prickelten die ganze Nacht.

Ich habe W. nach dieser Reise nie wiedergesehen, aber immer wieder mal an ihn gedacht. Und an meinen ersten Kuss. In einem Freudenhaus.

© Lilly Frost 2020-08-06

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