Vom Kraft-Tanken

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Vom Kraft-Tanken | story.one

Ich drücke das Gaspedal durch. Die Autobahn bringt mich täglich von meinem Arbeitsplatz in Wels zu meiner Wohnung in Linz. Heute fühle ich mich leer. Ausgelaugt. Verloren. Ich spüre keine Verbindung mehr zu mir selbst. Funktioniere nur noch. Seit sechs Jahren arbeite ich bei einer Tageszeitung. Ein spannender Job. Doch der Druck bringt Opfer mit sich. Körperliche und seelische. Um 17 Uhr ist täglich Redaktionsschluss. In den Stunden davor ist mein Körper eine Maschine. Vollgepumpt mit Adrenalin. Ist das Tagwerk beendet, bin ich nur noch müde und erschöpft. Heute habe ich früher Schluss gemacht und will heim in meine vier Wände.

Plötzlich fühle ich eine unglaubliche Sehnsucht nach meinem früheren Heimatort im Mostviertel. Die Sonne scheint durch die Fensterscheibe. Es ist ein wunderbarer Wintertag. Der Schnee hat sich wie eine glitzernde Decke auf die Landschaft links und rechts der Autobahn gelegt. Nun weiß ich, was zu tun ist. Ich fahre bei der nächsten Abfahrt ab und rufe meinen Vater an: “Bist du daheim? Kann ich vorbeikommen? Ich möchte so gern auf die Berge rauf gehen!” Es ist keine lange Erklärung nötig. Er kennt mich in- und auswendig. “Ja, sicher. Kannst jederzeit kommen", sagt er.

Fünfzig Minuten später drücke ich die Klingel meines Elternhauses. Mein Vater öffnet und lächelt milde. “Geh gleich los. Sonst wird es finster und du hast nichts mehr von deiner Wanderung”, meint er und ich könnte ihn für diese Worte innig umarmen.

Ich schlüpfe in meine Bergschuhe, die ich immer im Auto habe, und marschiere los. Besser gesagt: Es marschiert mich. Der Bewegungsdrang kommt von Innen. Meine Beine tragen mich auf eine Anhöhe. Ich stapfe durch den schweren Schnee, der nun tausendmal schöner ist als auf der Fahrt. Das Geräusch meiner Schritte, die in der weißen Masse verschwinden, ist wunderbar. Ich atme schwer. Der Schweiß rinnt mir in Bächen von der Stirn und dennoch will ich nicht langsamer gehen. Ich renne förmlich den Berg hinauf. Mit jedem Schritt fühle mich mich freier und zufriedener - trage ein unbeschwertes Lächeln vor mir her.

Dann habe ich den höchsten Punkt des Berges erreicht. Ein unbeschreibliches Gefühl. Vor mir breitet sich die wunderschöne, friedliche Landschaft aus. Die Abendsonne scheint mir ins Gesicht. Es ist die intensivste Naturerfahrung, die ich jemals hatte. Alle Last der letzten Monate fällt von mir ab. Meine Akkus sind wieder voll. Aufgeladen innerhalb von eineinhalb Stunden von 10 auf 100 Prozent. Lange bleibe ich am selben Platz stehen und genieße das Gefühl der Erleichterung.

Dann stapfe ich in der einbrechenden Dunkelheit zurück. “Geht’s dir jetzt besser?”, fragt mein Vater, der schon eine Jause für mich auf den Tisch gestellt hat. Die Antwort kann er an meinem Gesicht ablesen.

Beseelt fahre später zurück in meine Wohnung nach Linz.

Ein wärmendes Gefühl beschleicht mich während der Autofahrt: Ich weiß nun, dass ich vor einer Weggabelung stehe. Und auch, wie ich mich entscheiden muss.

© LillyRuth 03.04.2020