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"Ciao, bella ragazza!"

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"Ciao, bella ragazza!" | story.one

Der Sommer ist gerettet. Und es wird ein ganz besonderer. Das weiß ich. Das spüre ich. Meine große Schwester B., die bereits ein eigenständiges Leben in der Bundeshauptstadt führt und ein Auto hat, will mich zu einer Woche Italien-Urlaub mitnehmen. Nur wir zwei Mädls. Die Details haben wir schon besprochen, nun holen wir von unserem Vater das Einverständnis ein. “Sie ist ja eh schon 17”, meint er in Richtung B. “Pass halt gut auf sie, dass da unten nix passiert!”, sagt er und sieht ihr tief in die Augen. Meine Schwester setzt einen ernsten Blick auf. “Eh klar, Papa!”, besiegelt sie den Pakt.

“Aber macht’s mir keinen Blödsinn bei den Italienern”, ruft er uns nach. Doch das hören wir kaum noch. Die Reisetaschen sind schnell gepackt. Quartier haben wir keines gebucht. “In Lignano kriegt man immer spontan etwas. Da muss man einfach seinen Charme spielen lassen”, fachsimpelt B., die schon öfter in Norditalien unterwegs war.

Frühmorgens brechen wir mit ihrem roten Mazda “Baby” in Richtung Süden auf. Ich fühle mich nun nicht mehr als unbedeutende Schülerin. Ich fahre (quasi) alleine nach Italien. Ein unbeschreibliches Gefühl. Wir passieren die Grenze. Nun ist die Müdigkeit verflogen. Wir sind im Ausland!

“Italien, wir kommen!”, jubelt die Schwester und wirft mir einen bedeutungsschweren Blick zu. Sie betätigt den Knopf für die Öffnung des Schiebedachs ihres Mazda. Die Vormittagssonne hat bereits eine starke Kraft. B. reißt sich sich das Gummiband von den langen Haaren und schüttelt ihren Kopf durch. Ihre Mähne weht im Wind. Dazu die lässige Sonnenbrille. Sie sieht fantastisch aus. Wie ein Filmstar. “Jetzt brauchen wir noch die richtige Musik”, zwinkert B. mir zu und legt eine CD von Jim Morrison ins Laufwerk. Zu “Come on baby light my fire”, dreht sie die Lautstärke voll auf und wir singen mit Inbrunst mit. Es ist magisch. Freiheit pur! Unbeschwert singend fahren wir beiden Schwestern durch die Straßen Norditaliens. Heißblütige Italiener drehen sich nach unserem roten Auto mit dem offenem Dach um. Meine Schwester kokettiert bewusst mit den Männern am Straßenrand und lächelt zufrieden in sich hinein. “Ornella, Ornella!”, rufen sie ihr immer wieder nach, denn mit ihren vollen Lippen und den markanten Gesichtszügen sieht sie tatsächlich der italienischen Nationalschönheit Ornella Muti etwas ähnlich. Viele werfen ihr einen Handkuss mit den Worten “Ciao, bella ragazza!” nach. Ich schüttle amüsiert den Kopf beim Anblick dieser liebestollen Mannsbilder und bin gleichzeitig elektrisiert von der unbeschwerten Stimmung in diesem Land. Italien. Amore mio.

Nach einer Woche fällt uns der Abschied von diesem Fleckchen Erde, wo alles ganz anders ist und Gefühle so offen gezeigt werden, schwer. Doch ein Jahr später fahren wir wieder mit dem roten Madza über die Grenze. Und erneut genießen wir jede Minute hier.

Aufgepasst hat B. bei beiden Urlauben gut auf mich. Doch wir haben den väterlichen Auftrag etwas eigenwillig interpretiert.

© LillyRuth 24.05.2020

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