Die roten Schleifen

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Die roten Schleifen | story.one

Als Kind trug ich mein Haar immer lang. Ich hatte große, weich fallende Naturlocken in einem schönen Braunton. Meine Mutter war stolz auf meine Haarpracht und liebte es, mir Frisuren zu gestalten. Auch wenn das Kämmen oft ein bisschen weh tat, so genoss ich diese spezielle Art der Aufmerksamkeit, die sie mir auf diese Weise schenkte.

Bei Familienfesten lief sie in Sachen Frisurauswahl zur Höchstform auf. Dann holte sie ihre geliebten roten Schleifen aus der Lade des Badezimmerschranks hervor und drapierte sie geschickt auf meinem Kopf. Manchmal wurden geflochtene Zöpfe mit den Schleifen veredelt. Dann wieder ein einfacher Pferdeschwanz mit dem besagten Haarschmuck keck in Szene gesetzt.

Auch wenn ich das Gesicht meiner beim Kämmen hinter mir stehenden Mutter nicht sehen konnte, so spürte ich doch, wie sie bei dieser Tätigkeit lächelte. Und das war schön für mich. Denn lächeln sah man sie selten. Nach ihrer Krebsdiagnose fast gar nicht mehr. Wenn sie lachte, dann eher gequält oder gekünstelt. Als Kind spürt man, ob etwas echt ist oder nicht.

Sie frisierte mich kaum noch. Und daheim war sie ohnehin immer weniger. Viele Wochen verbrachte sie im Krankenhaus. Doch neben ihrem Spitalsbett standen stets viele Bilder von meinen drei Geschwistern und mir. Eines zeigte mich mit den roten Schleifen im Haar. Meine Mutter schaute es gerne an. Und wenn sie Besucher, Krankenschwestern oder Ärzte auf das adrett frisierte Kind mit dem langen Haar ansprachen, dann war alles wieder da: Freude, Stolz und Liebe.

Ihre Augen blitzten auf und für kurze Zeit war sie nicht mehr die schwerkranke Frau, sondern eine ganz normale Mama. Doch diese Momente wurden immer seltener. Ihre Krebserkrankung und die starken Medikamente machten sie gegen Ende ihres Leidensweges freud- und teilnahmslos.

Nach ihrem Tod frisierte mich niemand mehr. Papa und Oma fehlten die Zeit und die Geduld, den Filz, der sich stets wieder von Neuem bildete, zu entwirren. Ich kämmte mich selbst, doch so gut wie Mama konnte ich es nicht.

„So geht es nicht weiter“, sagte Papa wenige Wochen nach Mamas Begräbnis. „Du musst zum Frisör. Die Haare müssen abgeschnitten werden.“ Ich versuchte erst gar nicht, dagegen anzukämpfen. Er hatte völlig recht.

Beim Frisör biss ich die Zähne zusammen und ballte meine Hände zu Fäusten. Es funktionierte. Die Tränen kullerten nicht herab, sondern blieben in meinem Inneren. „Nur nicht an Mama denken“, trichterte ich mir ein. Schnipp. Schnapp. Schnipp. Schnapp.

Als die Haare abgeschnitten waren, grinste mich die Frisörin an und meinte aufmunternd: „Schau, war doch gar nicht so schlimm!“

„Nein. Alles gar nicht so schlimm“, wiederholte ich. „Gar nicht so schlimm.“

© LillyRuth