Das Mädchen mit den roten Schleifen

Ruths Mutter liebte die Haare ihrer Tochter. Das lange Haar des Kindes, das sich zu großen weichen Locken formte, war nicht nur schön anzuschauen. Es fühlte sich auch samtig und weich an. Gerne frisierte sie ihr Kind aufwendig und Ruth ließ dies wohlwollend mit sich geschehen. Auch wenn das Kämmen manchmal weh tat – das Kind genoss diese besondere Art der Aufmerksamkeit seiner Mutter.

Bei Familienfesten lief die Mutter in Sachen Frisur-Auswahl stets zur Höchstform auf. Dann holte sie ihre geliebten roten Schleifen aus der Lade des Badezimmerschranks hervor und drapierte sie geschickt am Kopf ihres Kindes. Mal wurden geflochtene Zöpfe mit den Schleifen veredelt. Dann wieder ein einfacher Pferdeschwanz mit dem besagten Haarschmuck keck in Szene gesetzt. Auch wenn Ruth das Gesicht ihrer Mutter beim Frisieren nicht sehen konnte, war die Freude und das Lächeln der "Frisörin" hinter ihr für das Mädchen spürbar. Und Lächeln – ja, das war etwas, was die Mutter ohnehin selten tat.

Irgendwann kam eine Zeit, in der die Mutter immer weniger Freude am Frisieren hatte. Sie war auch immer weniger Zuhause, denn sie hatte Krebs und musste viel Zeit im Krankenhaus verbringen. Neben ihrem Krankenbett stand aber stets ein Bild, das Ruth mit ihren roten Schleifen zeigte. Wenn sie von Besuchern, Ärzten oder Krankenschwestern auf die schönen Locken des Kindes angesprochen wurde, kam es wieder durch: das Lächeln, die Freude. Doch diese Momente wurden immer seltener.

Bald darauf hatte niemand mehr Zeit, Ruth zu frisieren. Die Mutter war gestorben. Dem Vater und der Oma fehlten die Zeit und die Nerven, den Filz, der sich auf Ruths Kopf stets von Neuem bildete, zu entwirren.

"So geht es nicht weiter. Du musst zum Frisör. Die Haare müssen abgeschnitten werden", sagte Ruths Vater einige Wochen nach dem Begräbnis der Mutter. Ruth versuchte erst gar nicht dagegen zu rebellieren.

Beim Frisör biss sie die Zähne zusammen und ballte ihre Hände zu Fäusten. Es funktionierte. Die Tränen kullerten nicht hinunter, sondern blieben in ihrem Inneren.

Als die Zöpfe abgeschnitten waren, sagte die Frisörin: "Schau, war doch gar nicht so schlimm." "Nein, alles gar nicht so schlimm", wiederholte Ruth. "Gar nicht so schlimm."

© LillyRuth