Das Osterwunder im Wald

  • 254
Das Osterwunder im Wald | story.one

Jeder Schritt ein Abenteuer. Es riecht nach Moos und Farnen. Die Stille im Wald ist Nervenkitzel und Wohltat zugleich. Wir hören nur das Knacken der dünnen Äste unter unseren kleinen Kinderbeinen. Ganz dicht hinter meinem großen Bruder und der älteren Schwester durchwandere ich den unebenen Boden des Forstes.

„Geht raus spielen!“, hat Mama gesagt. Oder besser: uns angefleht. Ihr Kopf tut heute wieder so schrecklich weh.

Nach der Chemotherapie braucht sie immer lange, um sich zu erholen.

Der nahe gelegene Wald ist unser Zufluchtsort. Ein riesengroßer Spielplatz voller Abenteuer. „Da!“, sagt mein Bruder aufgeregt. „Da bauen wir unser Lager auf!“

Es ist der perfekte Platz. Ein Haus mitten im Wald – es wird herrlich werden. Voller Eifer sammeln meine Schwester und ich passende Äste und Zweige. Unser Bruder fügt sie gekonnt zu stabilen Wänden zusammen. Eine alte Wurzel wird der Tisch und auch Sessel sind schnell gefunden.

„Morgen ist Ostersonntag, vielleicht kommt der Osterhase auch in unser Waldhaus?“, gibt die Schwester zu bedenken.

In Windeseile präparieren wir einige Nester aus Moos und dekorieren sie mit zartgelben Himmelschlüsselblumen.

Müde und erschöpft treten wir nach einigen Stunden den Heimweg an und berichten den Eltern von unserem Werk. Ob der Osterhase auch in unser Waldhaus kommt? „Vielleicht, er wohnt ja schließlich im Wald“, meint die Mama, die nach einigen Stunden Ruhe wieder gesünder ausschaut.

Am nächsten Morgen laufen wir gleich nach dem Aufstehen erwartungsvoll in den Wald.

Und da: tatsächlich! Alle Nester sind voller Ostereier. Auch Schokohasen sind an die Wände des Waldhauses gelehnt. Ich kann es nicht glauben und könnte zerspringen vor Glück und Aufregung.

Auch der Bruder und die Schwester haben glasige Augen. Für mich war es ganz bestimmt der Osterhase höchstpersönlich.

Die älteren Geschwister wissen, was ich erst Jahre später begreife: Die Mutter ist trotz ihrer schweren Krebserkrankung, die ihr anfangs die Lebenskraft und schließlich ihr ganzes Leben weggenommen hat, früh morgens in den Wald gegangen und hat für uns dort die Präsente versteckt.

Mein Osterwunder – bis heute.

© LillyRuth 11.10.2019