Das Sternengucker-Kind

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Das Sternengucker-Kind | story.one

21.12.2012. Der Maya-Kalender endet an diesem Tag. Verschwörungstheoretiker und Nostradamus sagen für heute den Untergang der Welt voraus.

Mein Sohn – ein Revoluzzer, der grundsätzlich das Gegenteil des von ihm Verlangten tut - beschließt, genau an diesem Tag auf die Welt zu kommen.

Um 5 Uhr morgens bringt er die Fruchtblase zum Platzen, was die Geburt ankündigt. Zwei Wochen früher als geplant. Na gut. Ich füge mich. Kann ja schließlich eh nicht anders.

Der gute Sohn lässt sich allerdings für seinen Auftritt Zeit. Viele zermürbende und unendlich schmerzhafte Stunden.

Am späten Nachmittag wird der Grund der Verzögerung von der Krankenhaus-Hebamme festgestellt. “Der ist ja ein Sternengucker”, sagt sie.

Mein Mann und ich verziehen das Gesicht. “Was soll das bedeuten?” Die Fachfrau klärt uns auf: “Er liegt zwar mit dem Kopf nach unten im Mutterleib, aber seine Blickrichtung geht Richtung Bauchdecke oder eben zum Himmel, was den Geburtsprozess leider erschweren wird. Wir nennen diese Kinder Sternengucker.”

Wir müssen schmunzeln. Ich leider schmerzverzerrt. Der Querdenker in mir hat sich also grundsätzlich schon einmal den schwierigeren Weg ausgesucht. Nun müssen wir gemeinsam durch.

Ich bin entschlossen, das zu schaffen. Es werden tatsächlich die schlimmsten Schmerzen, die ich jemals hatte. Dagegen war die Geburt meines ersten Kindes ein Honiglecken. Ich fühle mich in diesem Kreißsaal stundenlang wie in einer Folterkammer.

In den letzten Minuten drücke ich nur noch meine Augen zusammen, weil ich dieses Szenario nicht mehr sehen will und kann. Es reicht mir zu wissen und zu spüren, dass zwei Hebammen ihr gesamtes Körpergewicht auf meinen unendlich schmerzenden Bauch drücken und zwei Ärzte vor mir ihr Werk verrichten.

Ich will fort von diesem medizinischen Gruselkabinett und klinke mich innerlich aus.

Und dann: genau am 21.12.2012 um 22.12 verlässt der Sohnemann meinen Körper und macht seinen ersten Schrei.

Er wird mir auf das verschwitzte Geburtshemd gelegt und mit einem Mal ist alle Qual dieses langen Tages vergessen. Ein gesundes, wunderschönes Kind.

Mein nach den Sternen guckender, zahlenvernarrter Revoluzzer-Bub, der sich mit seiner Ankunft dem Weltuntergang mutig entgegensetzte.

© LillyRuth 19.10.2019